Dienstag, 17. November 2009

Versöhnung mit China


Das Outside Inn ist genau so, wie wir uns dies vorgestellt haben. Ein Hort der Ruhe inmitten einer idyllischen Landschaft, außerhalb von Yangshuo, im Norden der Provinz Guangxi. Das Guesthouse wurde von einem Holländer in einem alten Bauernhof auf- und umgebaut, es besteht aus zwei langgezogenen Häusern aus gelben Lehmbacksteinen, wie sie in der Region früher üblich waren und heute (noch) zu sehen sind, mit Ziegeln gedeckt. Dazu ein paar Familienhäuser, Küche und Empfang. Ein wunderbarer Pavilion, unter dem man draussen isst, ein paar Hängematten im Garten, ein Billardtisch. Die Zimmer sind gross und bequem, gemütlich, sauber und preiswert. Und ohne Fernseher - einfach perfekt.

Nadine und Michael, sie Schweizerin, er Engländer, leiten das Guesthouse seit 15 Monaten. Zuvor waren sie zwei Jahre mit ihren beiden Jungs Lenny und Desmond in Asien unterwegs und danach wieder ein Jahr in der Schweiz - bevor sie das Angebot erhielten, das Outside Inn zu übernehmen. Sie tun es mit viel Liebe und Geduld, Bescheidenheit und Aufmerksamkeit, mit grosser Begeisterung auch für Yangshuo, für China und die Chinesen. Und ihre positive Energie strahlt auf den ganzen Ort ab, gibt ihm Charme und eine Aura, in der man sich sofort wohl fühlt. Wir ruhen uns erst mal aus, lesen, schreiben Mails, geniessen das hervorragende (chinesische und westliche) Essen; Tim spielt mit Alex, dem jungen Dackel, und macht brav seine Aufgaben am Tischchen im Hof, versucht sich mit Desmond und Lenny anzufreunden, was vorerst schwierig ist, da die beiden zwar deutsch verstehen, es aber kaum sprechen.

Der Morgen giesst hundert Grautöne durch unser Fenster, einer trüber als der andere. Doch der Nebel löst sich bald in klare Bläue auf, und wir erleben zehn Tage herrliches Herbstwetter: etwas Nebel am Morgen, der sich bald auflöst, sonst strahlenden Sonnenschein von früh bis spät, 25 Grad. Und der Herbst beginnt die ersten Blätter mit einem Hauch von gelb zu überziehen  - was will man mehr? Wir mieten Velos, fahren dem Yulong-Fluss entlang, der sich wie der gewundene Rücken eines Drachens durch das breite Tal zieht. Die Landschaft scheint  nicht von dieser Welt. Kegel aus Karst stossen jäh aus dem Boden, wohin man blickt. Aufgereiht wie in einer Bowlingbahn. Sie erinnern an Kamelhöcker. An Nadelkissen. An Leuchttürme in einem Meer aus wogendem gelben Reis. Es ist Erntezeit, die Bauern stehen in den Feldern, konische Hüte auf dem Kopf, schneiden und dreschen und binden die Garben zu runden Ballen. Ja: So haben wir uns die chinesische Idylle vorgestellt in unseren Träumen. Und hier existiert sie tatsächlich noch. Balsam für die Seele. Natürlich sind wir nicht die einzigen, welche diese Landschaft geniessen wollen. Auf dem Fluss lassen sich chinesische Touristen auf Bambusflossen hinauf- und hinunterrudern. Dabei bespritzen sie sich johlend und kreischend mit Wasserpistolen, die es am Ufer zu kaufen gibt. Und in der Mitte des Flusses sind schwimmende Snack-Buden vertäut.


Yangshuo, der Li River und seine Karstfelsen gehören zu den wichtigsten Zentren des chinesischen Tourismus, an Popularität etwa auf gleicher Höhe wie die Grosse Mauer und Beijings Verbotene Stadt. Die archetypische chinesische Landschaft. Tausendfach fotografiert. Hundertfach gezeichnet in der klassischen chinesischen Malerei. Auf dem 20-Yuan-Geldschein verewigt. Einfach das, was man sich so vorstellt, wenn man an China denkt. Urtümlich. Aber inzwischen touristisch stark erschlossen. Yanghsuo ist in 20 Jahren von einem Fischerdorf zu einer Stadt mit 300’000 Einwohner geworden. Es hat Dutzende von Hotels und Restaurants und eine Fussgängerzone voller Souvenir-Läden, die so proper und herausgeputzt ist als stände sie in einem der “plus jolies villages de France”. Trotzdem ist das Städtchen angenehm, alles ist blitzsauber, denn eine ganze Armee von Strassenwischerinnen - mit Gesichtsmaske gegen Keime geschützt - räumt jeden Abfall blitzschnell weg. Der Stadtpark ist renoviert, der Spielplatz nett. An Tischchen spielen die Männer Mah-Jong und Karten. Yangshuo ist reich, das spürt man, der Tourismus hat seine Spuren hinterlassen. Sieht so das China der Zukunft aus: saubere neue Wohnblocks am Rand der Stadt, die wie Krakenarme immer weiter zwischen die Karstpfeiler vordringen?


Und auch in den Dörfern wird gebaut. In Chau Long, wo das Outside Inn steht, wird das Guesthouse wohl bald das einzige traditionelle Lehmziegelhaus sein, das noch übrig bleibt und Zeugnis ablegt von den alten Zeiten. Kann man es den Menschen verübeln? Die modernen Betonbauten, an der Vorderseite gekachelt, haben Strom und fliessend Wasser, sind an die Kanalisation angeschlossen und haben Broadband-Anschluss. Will in der Schweiz jemand ohne das leben? Oder gibt es doch noch eine Chance für die traditionelle Bausubstanz? Nadine erzählt, dass schon viele Journalisten bei ihnen waren und Reportagen gemacht haben über die sanfte Renovation alter Gebäude. Die gestaunt hätten, dass man die alten Mauern nicht abreissen müsse, um drinnen komfortabel zu leben. Und dass die renovierten Häuser so ja viel wohnlicher seien als die modernen Klötze. Doch der Gedanke des “schöner wohnen” ist neu in China, denn man muss sich das auch erst leisten können. Aber er verbreitet sich, das Umdenken wird sichtbar. Auch was den Umweltschutz betrifft. Nirgends haben wir so viele Elektro-Roller gesehen wie in Yangshuo. Der Grund: Wie in vielen anderen chinesischen Städten werden schlicht keine neuen Benzin-Töffs mehr zugelassen. Verfügung der Stadt-Regierung, die sich nicht um langwierige Prozesse demokratischen Interessenausgleichs kümmern muss. Sondern handelt. Wind- und Sonnenenergie erleben einen Boom, der im Westen kaum wahrgenommen wird.


Was man deutlich spürt: In China herrscht eine “just do it”-Stimmung. Die Menschen sind optimistisch, zufrieden. Schauen mit Mut in die Zukunft. Und sind von einer Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die dem China-Klischee des rauen und spuckenden Rüpels, das wir in unseren Köpfen hatten, diametral widerspricht. Selten zuvor haben wir auf unseren Reisen nettere Menschen angetroffen. Durchgehend. Selten zuvor sind wir fröhlicheren Menschen begegnet. Es wird gelacht und geplappert und gefeiert. Man spürt die Zufriedenheit und den Stolz der Menschen auf ihr Land, das auf der Welt wieder Gewicht bekommen hat und in den letzten Jahrzehnten Gewaltiges erreicht hat. Kritik an der Regierung, erzählt uns Nadine, höre man selten. Denn dies schaffe ja die Bedingungen dafür, dass jeder, der sich anstrenge, es zu etwas bringen kann. Und dabei fackelt man nicht lange: In Yangshuo wurden nach einem tödlichen Heissluft-Ballon-Unfall alle Ballone konfisziert, das Fliegen ist vorerst verboten, Dutzende verloren ihren Job und ihr Geschäft. Schon am nächsten Tag erzählten zwei Piloten, sie hätten einen neuen Business-Plan entwickelt: Autowaschanlagen, die Vorbereitungen seien bereits in vollem Gang. In der Schweiz würde man zuerst lange lamentieren und dann von der Regierung Entschädigung fordern.

Diese Erfahrungen - und lange Gespräche mit Nadine - beginnen uns mit China zu versöhnen. Und auch mit dem chinesischen Tourismus. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass die einheimischen Touristen nur in grossen Gruppen reisen. Und sich oft für ganz andere Dinge interessieren als wir Westler. So sind sie fasziniert vom neuen Shangri-La-Village am Li River, einer künstlichen Welt, wo traditionelle Dörfer und Brücken nachgebaut wurden, wo es moderne Läden hat und Ethno-Tanz-Darbietungen zu geniessen sind. Das indessen interessiert die meisten West-Touristen herzlich wenig, die sich - wie wir - lieber auf dem Bauern-Markt in einem der umliegenden Dörfer umschauen. Auch wenn wann mit anhören muss, wie junge Hunde in engen Körben winseln, bevor sie heraus gerissen und verkauft werden. Was danach mit ihnen passiert, bleibt der Phantasie überlassen. Solche Szenen sind den chinesischen Touristen wiederum eher peinlich, die nicht verstehen, weshalb wir es spannend finden, auf einem Hinterwäldler-Markt herumzuschnüffeln und zuzusehen, wie Fische ausgenommen, Zähne gezogen, dubiose Potenzmittel verkauft und Furunkel mit Feuer ausgebrannt werden. Und so berühren sich die beiden Touristengruppen kaum. Wenn sie es trotzdem tun, bleibt es bei einem “Nihau” und einem Lächeln.

 
Auch im Outside Inn gibt es selten chinesische Gäste. Wenn sie kommen, sagt Nadine, benehmen sie sich nicht selten ziemlich daneben, behandeln die Angestellten von oben herab. Die Transformation vom Menschen zum Touristen. Die Westler bewahren dagegen (meist) ihren Anstand, wenn sie reisen. Oder Teile davon. Und es hat viele Langzeit-Reisende unter ihnen, die auch lange im Guesthouse bleiben. Wie Roli und Karin aus Baar mit ihren Zwillingen Simon und Eric. Sie sind ein Jahr unterwegs. Kirgistan, Usbekistan, Russland, von Norden durch China. Bali. Australien. Neuseeland, Südsee. Der ganze Turnus rundum. Wir verstehen uns auf Anhieb, unternehmen gemeinsame Ausflüge, gehen velofahren und klettern, plaudern, blödeln. Toll, mal Zeit zu haben, nichts zu tun, von Stunde zu Stunde zu entscheiden, auf was man gerade Lust hat - oder halt nicht. Und Tim fühlt sich pudelwohl, spielt Billard, neckt die Hunde, macht einen Kung Fu-Kurs mit den Jungs und freut scih über das feine Essen, die Pizzas und Spaghettis. Mit chinesischem Essen hat nach wie vor sein liebe Mühe. Wir auch. Ausser mit dem Lemon Chicken und der gebratenen Ente. Die sind köstlich hier.


Renate aus Steffisburg sitzt oft im Pavilion und büffelt chinesische Vokabeln. 4000 muss sie können für die Prüfung der Universität Shanghai. Aber das ist alles hochchinesisch, und mit den Leuten wirklich sprechen könne sie trotzdem noch nicht besonders gut, erzählt sie uns Da hilft die Lehrerin, die jeden Tag hinkommt und zwei Stunden Konversation in Umgangssprache macht. Renate lebt seit 3 Jahren in Shanghai. Schön, finden wir. Doch sie hat langsam genug von der Stadt, wo ihr Partner für eine Schweizer Maschinefabrik arbeitet. Genug von den vierstündigen Fahrten, bis man endlich im Grünen ist und frische Luft atmen kann. Nun geht es bald nach hause. Aber nicht direkt, sondern mit dem Velo. 15 Monate der Seidenstrasse entlang, mit Zelt, Schlafsäcken und dicken Packen auf dem Gepäckträger. Dann  sitzen zwei Finnen herum, ein englisches Paar auf Weltreise und der Shanghai-Foto-Korrespondent der “Volkskraant”. Ein bärbeissiger Mensch, dem der Verdruss ins Gesicht geschrieben steht. Er setzt sich ungefragt an jeden Tisch, schiebt Tassen beiseite, klappt den Laptop auf, schürzt die Lippen und versinkt ins Betrachten seiner Fotos. Ob er damit jemanden stört, kümmert ihn nicht.


Mr. Bean trifft ein. Er heisst zwar Bing und ist Chef der lokalen Behörde, welche Visa verlängert, Ausländern Arbeitsbewilligungen erteilt und entzieht und dafür sorgen muss, dass alle Reisenden in den Hotels ordnungsgemäss angemeldet sind. Ein wichtiger Mann also. Seine Brille ist riesig, die Gläser sind dick wie Flaschenböden. Und wenn er sich bewegt, fuchtelt er mit den viel zu langen Armen wild durch die Luft als wollte er Fliegen fangen. Dazu spricht er englische Brocken in einer Stakkato-Stimme und stösst gurgelnde lachende Laute aus. Mit Mr. Bean muss man auf gutem Fuss stehen. Und heute kommt er mit einer Delegation von 15 noch wichtigeren Männern (und zwei Frauen). Sie sind seine Vorgesetzten, die Kommission für Fragen der Ausländer-Sicherheit aus Nanning, der Hauptstadt der Provinz Guangxi. Sie wollen das Hotel inspizieren. Bing schient nervös, aber das ist vielleicht nur seine Art. Und Michael ist wie immer die Ruhe selbst, obschon er in abgeschabten Jeans erwischt wird, während die Besucher alle fein geputzt sind. Man führt sie durch das Gelände und durch ein paar Zimmer. Zeigt, dass das Gerät funktioniert, mit dem alle Pässe gescannt und direkt nach Nanning übermittelt werden. So kann die Behörde die Spuren jedes Besuchers lückenlos verfolgen und sicherstellen, dass ihnen nichts geschieht. So lautet ihr Auftrag. Natürlich ist im Outside Inn alles in bester Ordnung. Zwei deutsche Strassenmusiker, ebenfalls hier zu Gast, spielen zum Abschied auf Geige und Harmonika zwei Zigeunerweisen. Fotografieren, klatschen, lachen, Hände schütteln. Und man verabschiedet sich im Wissen, dass die wichtige Beziehung heute gut gepflegt wurde.


Roli ist SAC-Jugendleiter und erfahrener Kletterer. Er mietet Seile und Kletterfinken für alle. Und wir radeln zum Baby Frog, einem zünftigen Karstbrocken nicht weit hinten im Yulong-Tal. Roli steigt vor, die Kids balgen sich um die nächsten Plätze. Tim ist Feuer und Flamme fürs Klettern und steigt ohne Angst in die Routen ein. Er sieht die Griffe und Tritte gut und kraxelt problemlos einige 25 Meter Wände hoch. Chapeau. Die Kulisse ist traumhaft, das Klettern macht Spass, auch wenn abends Finger und Zehen schmerzen. Nadine nimmt uns auf eine Wanderung aufs Lost World Plateau mit. Direkt vom Guesthouse aus einen Pass hoch und zwischen Karstmonstern hindurch. Wir mieten Velos und fahren dem Fluss entlang zum Moon Hill, einem Felsen mit mondförmigem Loch, über 1200 Treppenstufen über der Ebene.


Der Li River ist zur Schiffs-Autobahn verkommen. Zwischen Guilin und Yangshuo  verkehren täglich Dutzende von Ausflugsbooten, oft liegen nur 100 Meter zwischen den Dampfern, auf dem sich die Touristenmassen den Felsen mit den Fabelnamen entlang schippern lassen: Neun-Pferde-Fresko. Schildkröte steigt auf einen Berg. Neun Drachen überqueren den Fluss. Undsoweiterundsofort, alles ist benannt und auf den Ausflugskärtchen verzeichnet. Wir brechen unser Versprechen gegenüber Mr. Feng, dem eulenhaften Führer, und gehen zu Fuss, das schönste Stück zwischen Yangdi und Xingping. Der Weg führt zuerst über Felder, dann immer dem Li entlang. Die Felsen ragen oft direkt aus dem Fluss in die Höhe. Zweihundert, dreihundert Meter. Vertikale Wände, vor denen selbst der kräftigste SAC-Mann kapitulieren müsste. Dazwischen Bambus-Haine. Und die milde November-Sonne taucht den Himmel in klares Licht. Schon beim Mittags-Picknick röhren die Ausflugsdampfer flussaufwärts wieder an uns vorbei. Dann wird es ruhig. Und schließlich geben wir den penetranten “Bamboo Bamboo”-Rufen nach, steigen auf eines der Bambus-Flosse und lassen uns die letzte Stunde auf dem Fluss trieben. Wir bereuen es nicht, denn vor uns liegt eine der spektakulärsten Flusstrecken der Welt. Mit turmhohen Felsen und kleinen Inseln, auf denen Wasserbüffel weiden. Bis hinunter zu dem Ort, der auf der 20-Yuan-Note zu sehen. Rummelplatz mit tausenden von Fotografen. Aber was soll’s? Schön ist es alleweil.



Unten am Yulong, nur zehn Minuten vom Outside Inn, liegt ein Ort, der die Seele jubeln lässt. An der Biegung des Flusses wächst der Bambus hoch. Am Ufer steht der zerfallene Torbogen eines Tempels. Der Reis ist reif und hat eine gelbe Decke über das breite, topfebene Tal gelegt, bis hin zu den schrullig geformten Felsen, die in allen Richtungen den Blick einfangen. Ich gehe immer wieder hin. Allein. Am schönsten ist es, wenn die Sonne die ersten Strahlen über die Kegel  schickt und zartes Licht durch den Nebel filtert, der noch auf dem Fluss liegt. Das  Wasser ist glatt und wirft ein perfektes Spiegelbild, bis ein Vogel  auffliegt und kleine Wellen über die glitzernde Fläche zittern. Dann gleitet ein Fischer auf seinem Floss vorbei. Unten am Damm hört man die Frauen plappern, während sie Wäsche waschen. Ein Mädchen radelt auf dem Damm zwischen den Feldern vorbei, gefolgt von einem bellenden jungen Hund. Ein alter Mann treibt eine Schar schnatternder Gänse in die Felder. Zwei Wasserbüffel ziehen dem anderen Ufer entlang. Man weiss, es ist nicht real. Doch man möchte einfach immer hier sitzen bleiben, schauen, staunen und glauben, so sei die Welt.

Sonntag, 15. November 2009

Auf der Autobahn zum Ballenberg


Wang Lu und Chen Bing sitzen in der Lobby bereit und springen wie vom Blitz getroffen auf, als sie uns sehen. Sie werden uns die nächste Woche begleiten. Lu als Guide, Bing als Fahrer. Die zwei sind ein ungleiches Paar, obschon sie, wie sie uns erzählen werden, gute Freunde sind und oft zusammen unterwegs. Lu hat ein weiches, offenes Gesicht und grosse braune Augen, die von ersten Fältchen umspielt sind. Er lacht viel, wie ein kleines Kind, das staunend die Welt entdeckt. Er ist 28, ohne Frau und ohne Kinder, und scheint aus gutem Hause zu stammen. Denn er besitzt in Guiyang eine 2-Zimmer-Wohnung für sich allein. Ein ziemlicher Luxus in China. Und er hängt viel am Handy. Dauernd, wenn man es genau nimmt. Dutzende von SMS pro Tag. Und zahllose Telefone. Hin und her. Bing dagegen ist eher verschlossen, verkniffen fast. Mürrisch ist er nicht, aber lächeln schein nicht zu seinem Repertoire zu gehören. Und wenn doch, dann wirkt es eher gequält. Er ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Mehr werden wir in den kommenden sechs Tagen nicht erfahren.

Es regnet in Strömen, als wir Guiyang verlassen und auf der Autobahn gegen Kaili fahren und dem ersten Dorf zustreben. Die Provinz Guizhou besteht zu 90 Prozent aus Bergen und Hügeln. Die Dörfer sind besiedelt von Minoritäten, die grösseren Städte dagegen von Han-Chinesen. Wir bewegen uns in der “autonomen Region der Miao”, eines Volkes, die ursprünglich am Oberlauf des Yangtze siedelten und danach von den Han immer weiter in den Süden getrieben wurden. In Laos und Vietnam nenn man sie Hmong. Ein stets rebellisches Volk, das sich oft gegen die Autoritäten wandte und nie bereit war, sich kulturell zu assimilieren. Doch dem Angriff des Massentourismus haben selbst die Miao nichts mehr entgegen zu setzen.


Wir sind schockiert, als wir in Xijiang ankommen. Das Dorf, malerisch an einem sanften Hügel gelegen, ist inzwischen eine offizielle Fünf-A-Tourismus-Attraktion, auf dem Parkplatz stehen die Busse in dichten Reihen. Lu erklärt uns, die Dorf-Bewohner hätten selbst beschlossen, sich vollends dem Tourismus zu öffnen, schließlich sei dies hier eine autonome Region. Gewiss. Auch Tibet ist eine autonome Region, und wie man weiss, bestimmen auch die Tibeter ganz selbständig über ihr Schicksal. Wie auch immer: Das Dort ist autofrei, das Gepäck und Besucher werden in elektrischen Golfwägelchen zum Guesthouse transportiert, chauffiert von Miao-Mädchen in ihren Trachten. Zweimal pro Tag wird eine “Cultural Show” geboten. Ethno-Zirkus auf chinesisch. Aber nur halb so gut wie Ballenberg. Den chinesischen Touristen gefällt’s trotzdem. Uns weniger.


Wir staksen eher lustlos in den Reisfeldern umher und beschliessen, am nächsten Tag weiterzufahren und nicht wie geplant zwei Tage zu bleiben, um noch ein wenig zu wandern. Nicht nur wegen dem trüben Wetter. Immer wieder stossen wir auf gigantische Baustellen, die üble Narben in das Land fräsen. Viadukte. Tunnel. Flüsse werden mit Bauschutt zugeschüttet. Der neue Express-Way von Guiyang nach Guangzhou, der Boomtown-Metropole in der Nähe Hongkongs. Und gleichzeitig wird auf ähnlichem Trasse noch einen Schnellbahn gebaut. Beide Werke werden später hinauf nach Chengdu bzw. nach Kunming weiter geführt. Und in drei Jahren soll alles fertig sein, Teil des chinesischen Infrastruktur-Pakets zur Ankurbelung der chinesischen Wirtschaft, die auch Europa und die USA aus der Krise heben könnte. Muss man dafür halt in Kauf nehmen, dass die Natur hier in einer Art und Weise vergewaltigt wird, wie ich es noch nie gesehen habe? Und man wagt sich kaum vorzustellen, was in den Dörfern abgehen wird, sobald sie per Autobahn erreichbar sind. Next Exit: Miao Cultural Scenic Area. Bitte die ausgestellten Menschen nicht berühren.

Nur: Was ist die Alternative? Wir erleben sie in den Dörfern, die noch nicht vom Tourismus berührt sind. Die Häuser zerbröseln und zerfallen, und mit ihnen die einzigartige Kultur und Tradition der Miao und der anderen ethnischen Minderheiten der Region. Auch hier wird gebaut, was das Zeug hält, aber die alten Holzhäuser werden - im Gegensatz zu Xijiang und anderen Touristenfallen - nicht durch neue Holzkonstruktionen ersetzt, sondern durch hässliche Betonklötze. Vielleicht  ist die Verwandlung in Heimatmuseen die einzige Chance, Chinas kulturelles Erbe zu bewahren angesichts der rasend schnellen Modernisierung des Landes. Denn bald werden auch in den Dörfern die modernen Neubausiedlungen stehen, die heute erst die Städte und Städtchen zieren. Mit netten kleinen Balkonen, fliessend Wasser. Strom, der nicht mehr ausfällt. Einem Abwassersystem, das nicht einer Kloake gleicht. Und die Infrastruktur funktioniert. Internetz im kleinsten Dorf. Die Stecker sprühen keine Funken, wenn man sie benutzt. Hängen nicht lose in der Wand, so dass man gar nicht daran denken will, eine Gerät anzuschließen. Das ist Fortschritt. Und für die Menschen hier ist dies der Weg aus der bitteren Armut, die sie seit Jahrhunderten gefangen hält. Wen kümmern da Gefühle und Gedanken der Luxus-Touristen aus dem Westen?


Was toll ist hier. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, die alle Sprachbarrieren überwindet. Und ein freundliches Nein wird von jedem Händler ohne weiteres als Nein akzeptiert. Das macht das Reisen entspannend. Was weniger toll ist: Die Massen von chinesischen Touristen, die jeden Ort, der noch eine Spur Charme hat, zu Tode trampeln. Der Mangel an Farben auch. Es gibt grün, braun und grau, und alles auf der jeweils dunklen Städte gelegt, der alle anderen Frequenzen blockiert. Vielleicht ist es auch nur der aschene Himmel, der seit Tagen auf dem Land lastet. Ohne die geringste Lücke. Ohne einen einzigen Strahl Sonne durchzulassen. Und die völlige Absenz von jeglicher gelebter Spiritualität. Es mag mit der Geschichte Chinas zusammen hangen, der langen Zeit der Verteufelung der Religion zu der Zeit, als die Kommunisten auch in der Praxis noch zu tun versuchten, was sie in der Theorie postulierten. Was für ein Kontrast zu Nepal, wo die Tempel voller Menschen sind und die Religion ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist. Wenn es hier noch einen Gott gibt, glaubt man zu spüren, ist es das Geld.

So wird die Fahrt durch Guizhou für uns zu einer Fahrt durch die Widersprüche der chinesischen Gesellschaft - und gleichzeitig durch die Widersprüche unserer eigenen Vorstellungen, Wünsche und (touristischen) Bedürfnisse. “What am I doing here?” hat sich Bruce Chatwin in seinem wohl berühmtesten Roman gefragt. Er ist nie klar gekommen mit dieser Frage. Und trotzdem zog es ihn immer weiter.


Wir sind verwirrt durch diese Widersprüche wie noch nie zuvor auf unseren Reisen, wir diskutieren sie hin und her. Spannend und anregend. Also geht es uns gut. Auch körperlich. Tim ist meist fidel, liest sich durch seine Fantasy-Romane, hört sich hinten in unserem Luxus-Minivan Hörbucher auf dem Ipod an. Und er isst einigermaßen mit. Nicht zuletzt weil wir die allzu exotischen Gerichte auslassen und uns mit Fried Rice und Nudeln ernähren. Vielleicht müssten wir mutiger sein. Tim streichelt jeden Hund am Wegrand . Und das sind nicht wenige, und manche sind zuckersüß. Es gibt eine Rasse hier. China-Dorfmischung. Ein Hund, wie ein Hund sein sollte, mit Anklängen an den Wolf. Aber gossen treuen Augen. Und er nimmt mit erstaunlich geringer Reaktion zur Kenntnis, dass manche seiner Freunde letztlich an einem Marktstand am Haken landen.


Wir reisen durchs Land der Dong, einer Minderheit, die sich ihre typische Holzarchitektur bewahrt hat. Die Häuser werden ohne Eisennägel zusammengebaut, im Zentrum der Dörfer stehen Trommeltürme, unter denen die Männer abends die riesigen, an Orgelpfeifen erinnernde Bambusflöten spielen. Das dumpfe, an und abschwellende Geräusch wabert durch die gepflasterten Gassen und den Kanälen des Städtchens entlang bis zu den Wind- und Regenbrücken. Die wunderbaren Holzkonstruktionen schwingen sich elegant über Bäche und Flüsse. Und sie dienen nicht nur der Überquerung des Wasser, sondern auch als Treffpunkt und Versammlungsort.
 

Zhaoxing ist noch intakt. Noch. Doch auch hier wird viel gebaut. Gesägt. Gehämmert. Gefräst. Und oben in den Bergen wird bald der Expressway vorbei führen. Dann wird die lange Anreise über tausende von Kurven und hunderte von Schlaglöchern der Vergangenheit angehören und das Städtchen eine offizielle 5A-Touristen-Attraktion werden. Immerhin hat dies zur Folge, dass die Häuser im traditionellen Stil renoviert werden, als Vorbereitung für die Zukunft. Endlich zeigt sich die Sonne, die Frauen waschen Wäsche und ihre Haar in den Kanälen, die das Dorf durchziehen. “Venedig der Dong” wäre ein guter Slogan für die Tourismus-Strategen, welche die Region vermarkten. So wie es oben in den Bergen Yunnans ein Shangri-La und in der Gegend von Guilin ein Xanadu gibt. Beides Retorten-Orte. Die Stimmung in Zahoxing ist ruhig und friedlich, wir bleiben etwas länger, lassen uns durch die Gassen treiben, schauen den Männern unter den Trommeltürmen beim Kartenspiel zu, wandern durch die Reisterrassen zum nächsten Dorf.


Überall, wo wir hinkommen, werden wir mit grosser Herzlichkeit und offenen Armen empfangen. Von der abweisenden, rauen Art der Chinesen, von er oft berichtet wird, spüren wir nichts. Im Gegenteil: die Menschen gehen manchmal laut, aber irgendwie behutsam miteinander um, die Hektik und Aggressivität, wie sie zuweilen in Indien zu spüren ist - trotz aller Spiritualität -,  erleben wir nicht. Wir trudeln mit unserem Minivan über Land, besuchen Schulen, wo Tim sofort aufgenommen wird und sich in die erste Reihe setzen kann. Immer wieder steht er im Zentrum der Aufmerksamkeit, ohne dass die Begegnungen aber zu aufdringlich werden. Und selbst die Begehren von Dutzenden von Touristinnen, mit dem süssen blonden Buben auf einem Foto zu sein, lässt er mit stoischer Geduld und einem - zuweilen etwas gequälten - Lächeln über sich ergehen.


Mitten auf dem Land geraten wir in einen Stau. Am Strassenrand sind Dutzende Lastwagen parkiert. Motorräder quälen sich durch die Lücken. Es gibt kein Durchkommen. Wir steigen aus und bemerken, dass wir Glück haben. Rein zufällig sind wir an einen Stierkampf geraten, eines der vielen Feste der Dong. Dieses findet jeweils nach der Reisernte statt. Also jetzt. Tausende von Männern und Frauen haben sich an den Hängen aufgereiht, fast alle tragen ihre traditionellen Kleider: Schwarzen Turban die Männer, eine Art Faltenrock aus mit Indigo gefärbtem Stoff die Frauen, darunter schwarze Leggins, wie wir sagen würden. Die Haare sind geölt und zu kunstvollen Knoten geflochten, und um den Hals ringelt sich schwerer Silber-Schmuck. Die Szenerie erinnert an ein Amphitheater, die Stimmung ist aufgeregt, die einzelnen Clans lassen farbigen Fahnen flattern und trommeln um die Wette, als würden sie gleich gegeneinander in den Kampf ziehen.


Unten in der kleinen Ebene ist die Arena für den Kampf, und wir gehen ganz nahe heran. Bis wir merken, dass das keine gute Idee ist. Zwei gigantische Wasserbüffel sind mit den Hörnern ineinander verkeilt. Stossen, drängen. Legen ihr ganzes Gewicht in den Nacken, um den Gegner umzuwerfen. Uns wird gewahr, dass Flucht kaum möglich ist, sollte einer ausbrechen und durch den Schlamm auf uns zustieben. Wir bringen uns auf einer Mauer in Sicherheit. Gerade rechtzeitig. Einer der Büffel gibt nach und rast davon, die Menge der Zuschauer schiesst in Panik auseinander, einige stürzen in den braunen Matsch, die Massen an de Hängen johlen. Es geht darum, dass einer der Büffel den anderen in die Knie zwingt oder ihm eine Verletzung beibringt. Und der Besitzer des Siegers - klar - erhält Ehre, Ruhm und etwas Geld. Und es geht ums sehen und gesehen werden. Ums kennen lerne. Ums flirten. Die Traditionen der Dong scheinen zu leben, auch wenn sich ihre Umgebung rasend schnell verändert. Immerhin.


Auch das “alte” China, das bukolische, ländliche China findet man noch, wenn man gut hinschaut. Das China unserer Träume und Klischees, in dem sich die Wasserräder langsam drehen, die Gänse durch die Reisfelder wackeln, bewacht von alten Männern mit konischen Strohhüten. Und im Hintergrund schneiden Frauen mit der Sichel die goldgelben Garben. Das China der Kulturrevolution, als Chairman Mao die intellektuellen Städter aufs Land schickte, um sie von den “unteren und mittleren Bauern” umerziehen zu lassen.  Als die europäischen Linken, das rote Büchlein in der Hand, bei uns auf die Strasse gingen und diesen absurden Mist auch noch gut fanden. Tempi passati. Zum Glück für uns. Zum Glück vor allem für die Chinesen.


In Chengyang findet man Szenen noch, welche solche Gedanken wach rufen. Bei der Wind- und Regenbrücke, der schönsten und grössten der Region. Aber nur, wenn man sich verrenkt und den Zoom-Ausschnitt entsprechend wählt. Dreht man das Objektiv auf Weitwinkel, kommt wieder die neue chinesische Realität ins Bild. Preisausschreiben: Von welchem Ort in China ist es möglich, ins Land zu blicken, ohne zumindest einen der folgenden Gegenstände zu erblicken:


a) Bulldozer
b) Erosionsnarbe von soeben fertig gestellter Strasse
c) Lastwagen mit Baumaterial

Der Sieger gewinnt einen nigelnagelneuen Betonmischer. Und als Trostpreis winken 1000 Staubschutzmasken.



Doch Chengyang ist gemütlich, die Sonne scheint, wir entdecken Grandma’s Guesthouse, soeben fertig gestellt. Die Zimmer riechen nach frischem Fichtenholz. Die Dielen knarren unter jedem Schritt. Von der Veranda blickt man auf die Reisfelder. Am Fluss reiht sich ein Dorf ans andere, wie hölzerne Perlen an einer Silberschnur. Zeit zu bleiben. Zum spazieren, lesen und schreiben. Grandma’s Besitzerin spricht englisch, denn sie hat lange in einem Hotel in Sanjiang gearbeitet. Das tut gut, denn so erfährt man wenigstens etwas ganz weniges über das Leben hier. Das ist hart in China: Die Sprachbarriere verhindert die Kommunikation. Und so bleiben einem die Geschichten aus dem Leben der Menschen, die hier leben, ein zentrales Element jeder Reise, weitgehend verschlossen.

In Chengyang wechseln wir unser Team von Fahrer und Guide. Lu und Bing fahren zurück nach Guiyang. 16 Stunden am Stück haben sie vor sich. Und am Abend treffen Mr. Feng und Mr. Wang ein. Feng gleicht einer Eule, die verschlafen auf einem Ast sitzt und ab und zu eine Weisheit zum besten gibt. Ein lieber Kerl, aber etwas verschroben, ruhig, bedächtig, als müsste er jedes mal genau überlegen, ob er das nächste Wort noch anfügen will oder nicht. Er spricht deutsch, ziemlich gut sogar. Das freut Tim, dem wir nicht mehr alles übersetzen müssen, was wir zu wenig oft taten. Wir kommen gut miteinander zurecht, nachdem wir ihm erklärt haben, dass wir nicht primär darauf aus sind, 5A-Attraktionen abzuklappern.


Trotzdem steht uns noch eine bevor, um die man kaum herumkommt an unserer Route: die Reisterrassen von Longji, das Rückgrat des Drachen, wie sie hier heissen, wo alles einen poetischen Namen bekommt. Die Terrassen ziehen sich die steilen Hänge empor, jeder Quadratmeter Boden wird intensiv benutzt. Das Meisterwerk landwirtschaftlicher Architektur wurde vor rund 400 Jahren begonnen, heute schaffen es die Felder um Ping’an und Dazhai problemlos in die Top Ten der globalen Touristenfallen. Vom Parkplatz aus wälzt sich ein endloser Menschenstrom zum Viewpoint Number One. Manche lassen sich die Stufen auf Sänften hinauftragen, am Wegesrand gibt es keinen Meter, der nicht von Souvenir-Buden in Beschlag genommen ist. Am Viewpoint herrscht Gedränge und Geschnatter. Die lokale Ethnie hier sind die Yao, und natürlich kann man sich mit wunderbar herausgeputzten Yao-Trachten-Mädchen vor den Reisfeldern ablichten lassen. Wen kümmert’s, dass der Schmuck aus Blech ist, die Kleider aus Synthetik? Nebenan brummt der Generator, der Computer und Drucker betreibt. Fünf Minuten später hält man das Erinnerungsbild ausgehändigt. Laminiert. Das ist gut so, denn auch hier ist das Wetter trüb und nass.


Der Blick wäre in dieser Jahreszeit auch nicht derart spektakulär wie im Sommer, wo das Wasser in den Feldern liegt, oder vor der Ernte Anfang Oktober, wo sich Goldregen über die Hänge ergießt. Die Felder sind abgeerntet und sind voller brauner Stummel. Falsches Timing. Wir wandern eine Stunde zum Viewpoint Number Two, der weiter oben liegt. Zum Glück sind die meisten Chinesen lauffaul, denn hier oben ist es menschenleer, die Sicht viel besser. Unterwegs begegnen uns rosa gekleidete Yao-Mädchen, Postkarten stets griffbereit in den Händen. Sie zeichnen sich durch ihre langen schwarzen Haare aus. Je länger, desto schöner. Nur sind sie in der Regel unter einem Tuch verborgen. Klar: Alles ist eine Frage des Preises. “Long Hair - 10 Yuan”, schleudern uns die Frauen unsausweichlich entgegen und lupfen verführerisch ein klein wenig das Tuch, unter dem es schwarz schimmert. Long Hair Peep Show im Reisfeld? Table Dance im Yao-Dorf? Ich lasse es bleiben, deute auf meinen Schädel und ziehe das Käppi aus: “Short Hair, 20 Yuan”. Der Spruch kommt nicht gut an.

Wir haben den Rummel langsam satt und drängen auf die Weiterreise. Auf die Schiffahrt auf dem Li River von Guilin nach Yangshuo (5A) verzichten wir, versichern dem sichtlich enttäuschten Mr. Feng aber, dass wir sie später gewiss nachholen würden. Die Berge geben einer Ebene Raum, wir fahren auf der Autobahn, die bis an die vietnamesische Grenze führt, durch einen Wald von Karstkegeln nach Yangshuo. Hier werden wir zehn Tage Pause machen im Outside Inn, einem Guesthouse außerhalb des Städtchens, das von einer Schweizerin und einem Engländer geführt wird. Wir freuen uns.

Abenteuer Wal-Mart


Er steht immer noch da, der Genosse Mao. Die Hand zum Gruss erhoben, den starren Blick geradeaus. Als ob immer noch er das Land in die oft versprochene bessere Zukunft führte, die erst dann begann, als er nicht mehr war und sich China aus dem Wahnsinn seiner wirren ideologischen Ideen zu befreien begann. Aber gefallen sind seine Statuen nicht. Noch nicht. In Guiyang bietet das Umfeld des Mao-Kolosses aus weissem Stein indessen ein Bild, dass dem Chairman keineswegs behagen würde. Wie wenn sich die Geschichte so subtil am früheren Führer rächen wollte, dass der Bildersturz gleich obsolet wird. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Platz des Volkes, markieren zwei Glaspyramiden, dem Louvre abgekupfert, die Eingänge zum unterirdischen Wal-Mart, der grössten Supermarktkette der Welt. Nimmt man das Gedränge vor den Rolltreppen als Massstab, wird der Laden vom Volk mit Sicherheit inniger geliebt als jede Parade, die oben je über den Platz stolzierte. Rechts von Mao dröhnt Musik, zu der sich im Park Paare jeden Alters schwungvoll drehen. Und links wird unter Bäumen an kleinen Tischen mit Karten und Würfeln gezockt als gäbe es kein morgen. Kapitalismus. Musik und Tanz. Geldspiel. Die Übel der dekadenten bourgeoisen Lebensart hübsch versammelt. Direkt unter Maos Augen. Ob der Widerspruch noch jemand anderem als dem Besucher aus dem Westen auffällt, ist mehr als fraglich. Immerhin wird noch gewischt vor der Statue. Und niemanden stört’s, als Tim dem Chairman einen Tannzapfen ans Bein kickt.


Es regnet in Guiyang. Wie üblich hier. Also runter ins Reich der Walton Brothers. Und auch sie würden sich wundern, wie ihr Shop hier transformiert worden ist. Gleich beim Eingang die Abteilung mit lebendigem Getier. Die Fische kann man sich selbst mit einem Netz aus dem Tank fischen, wo einige Exemplare schon mit dem Bauch nach oben schwimmen. Zu gedrängt ist der Platz in den kleinen Becken. Hat man einen Karpfen im Netz, lässt man ihn in einen Plastiksack gleiten, wo er zuckt, bis er verreckt. Wenn er mit den verzweifelten Schwanzschlägen bloss nicht die Schweinohren besudelt. Neben den Fischen diverse Algen. Frösche. Kröten. Aale. Krabben. Krebse und Schnecken. Dann folgt die nächste Stufe in der Verwandlung 
des Tieres zum Lebensmittel, die Zerstückelung. Hühnerfüsse. Schweinenasen. Kuhmagen. Dann wird es etwas appetitlicher, die Kadaververwertung hat zivilisierte Formen angenommen. Abgepackte und vakuumierte Würste. Fleischbällchen. Schwämme. Pilze. Rinde. Lange Reihen Teigtaschen, Töpfe mit eingelegtem Gemüse, Gewürzen, Früchten, kandiertem Irgendwas, frittiertem Sowieso. Bekannt kommt uns kaum etwas vor, angeschrieben ist alles auf chinesisch. Wir sind feige und kaufen Birnen und Rüebli und Schokolade - und zu guter letzt doch noch ein fettiges Fischküchlein. Es schmeckt grausig.


Wir geben nicht auf, kaufen Fleischspiesschen beim Uiguren. Lecker. Dann eine Art Algen-Burger, die an jeder Ecke angeboten werden, offenbar der lokale Snack. Man bringt’s runter, wenn es denn sein muss. Dann kommen wir an einer Bäckerei vorbei, ganz im europäischen Bistro-Stil gehalten. Wer kann denn da widerstehen? Es gibt Capuccino, Tiramisu, Schwarzwälder-Torte, Dänisch Plunder, Brot. Wir kaufen Toast für die nächsten paar Tage, schauen den schicken chinesischen Oberschicht-Ladies zu, die ihre Söhnchen hierher ausführen. Oder ist es der Geliebte? Und um das Mass voll zu machen, landen wir am Abend im Kentucky Fried Chicken. Nuggets und Texan Chicken Wrap. Wir wissen, dass noch ganz andere Zeiten auf uns zukommen werden. Dann ins weiche Bett des Motel 168. Den amerikanischen Motelketten abgeschaut, nur besser und billiger. Zwei grosse Betten, warme Duvets, ein piekfeines Badezimmer. Eine Dusche mit gut 10 Sprühfunktionen, daneben Familienpackungen Shampoo und Body Foam. Gratis Internet im Zimmer. Pantoffeln. Trinkwasser. Teekocher. Was will man mehr? Und alles für 30 Franken. Wir schlafen zufrieden ein.

Guiyang, Kapitale der Provinz Guizhou, hat rund drei Millionen Einwohner und ist damit die kleinste aller chinesischen Provinzhauptstädte. Die Stadt hat ein Verkehrsproblem, doch wir werden später merken, dass sie damit in China nicht alleine steht. Busse, Autos, Lastwagen wälzen sich über achtspurige Express-Strassen. Alles ist verstopft. Leuchtreklamen. Hochhäuser. Abgas. Hupen. Läden. Shops. Und Shops. Und Läden. Jeder Zentimeter wird benutzt, um irgendetwas unter die Leute zu bringen. Läden gibt’s an jeder Strasse. Läden gibt’s in Unterführungen. In Überführungen. In Hotels. In Passagen. In kleinen und grossen Gassen. Überall. Und zu kaufen gibt es alles. Vor allem Kleider. Dann Elektronik. Und Telefone. Einiges im Luxus-Segment, von Gucci bis Armani. Doch das meiste schäbiger Schrott, billigste Massenware. Eingesprenkelt sind Myriaden Essensstände, mit frittierten Kartoffeln und garstig blubbernden Brühen voller konturloser Fleischstücke. Es scheint drei Hauptbeschäftigungen zu geben für Chinesen: einkaufen, essen, telefonieren. Kommerz pur. Klar, man weiss, dass China in den letzten zwei Jahrzehnten eine Entwicklung durchgemacht hat, so schnell und so tief wie wohl kein Land zuvor in der Geschichte. Trotzdem. Wir sind leicht schockiert.

Immerhin: Auch das “alte China” taucht immer wieder auf. Mah-Jongg-Spieler im Park, Seelenverkäuer aller Art, die irgendwelche Heilmittel anbieten, Frauen mit Hühnern, welche die Zukunft voraussagen könne, je nachdem, in welche Schriftrolle sie picken. Ein paar verlorene Tempel und Pavillons, Oasen der Ruhe im Gewühl der Menschen und Maschinen. Und die Freundlichkeit der Menschen. Wir können uns zwar nicht verständigen, kein Mensch spricht ein Wort englisch. Keiner. Niemand. Nichts. Aber irgendwie schaffen wir es, mit Gesten und mit einzelnen chinesischen Wörtern, die im Reiseführer stehen. Und stets begleitet uns ein Lachen, freundliche Blicke. Distanz auch. Aber Respekt. Wir werden kaum beachtet, außer wenn wir den Kontakt suchen, fühlen uns im grossen und ganzen sehr wohl.

Wir schlagen uns zum Busbahnhof durch, fahren nach Huaxi, dann mit dem Minibus nach Qingyan, einer Garnisonsstadt aus der Ming-Zeit. Die Vorstädte Guiyangs sind eine industrielle Wüste. Baustelle an Baustelle. Dreck, Staub, Schlamm. Die Plattenbauten sind am zerbröseln, daneben entstehen neue, moderne Wohnsiedlungen, Reihe an Reihe, bis an den Horizont. Immerhin sind einige hellblau gestrichen. Wir fahren an Parkplätzen für Baumaschinen vorbei: Hunderte von Baggern mit Schaufeln in jeder Form und Grösse. Bulldozer, Betonmischer. Dann Lastwagen. Tieflader, Kippfahrzeuge. Gabelstapler. Himmelhohe Krane. Ist es wegen der Krise, dass all das Gerät am Strassenrand auf den nächsten Einsatz wartet? Und wenn all diese Maschinen derzeit still stehen, wie viele sind es wohl, die trotzdem noch in Betrieb sind? Die Dimensionen des chinesischen Wirtschaft-Booms verursachen ein flaues Gefühl im Magen.


Qingyan gibt uns einen ersten Eindruck vom chinesischen Massentourismus. Das Städtchen ist ganz hübsch, Tempel und Pagoden aus der Ming-Zeit, gepflasterte Gassen, aus grauen Steinen gebaute Häuser mit eindrucksvollen Innenhöfen. Doch die Altstadt ist tot, blosse Fassade für eine Kette von Souvenirläden. Es ist Sonntag, und trotz des strömenden Regens patrouillieren Tausende chinesischer Touristen durch die Tempel und Strassen und lassen sich die hiesige Spezialität schmecken: Brühe mit Schweinefüssen. Wir verzichten und machen uns auf den Rückweg.


Die ersten zwei Tage in China lassen uns verwirrt zurück. Das Land vibriert, dampft, kocht. Das spürt man nach der ersten Stunde hier. Es finden Umwälzungen statt, die wir uns gar nicht ausmalen können. Die zu gewaltigen Verwerfungen führen, die wir ahnen, aber nicht wirklich sehen. Es ist spannend, herausfordernd, interessant. Aber nicht wirklich schön oder lieblich im Sinne einer Ästhetik, die uns berührt. Wo sind die Farben? Es gibt nur grau, blau, grün, alles im dunklen Bereich der jeweiligen Palette. Wo ist das Rot? Ausser auf Tims Regenjacke? Unser Gefühl schwankt zwischen Faszination und Abscheu. Oder ist es nur der dauernde Nieselregen, der auf Gemüt schlägt. Morgen geht es aufs Land. Wir sind gespannt.

Blog blockiert

China hat keine Freude an Bloggern, denn schreiben ist, wie man weiss, gefährlich und subversiv. Deshalb ist die Website von Blogspot hier gesperrt. Wir müssen die Einträge über den Umweg über ein Mail in die Schweiz posten lassen. Und Bilder gibt es erst wieder, wenn wir in Hongkong sind, falls dort die Gedanken wieder freier fliessen dürfen. Sonst halt in Indien.