Montag, 7. Dezember 2009

Reine Schönheit


Will man es wagen, noch Worte zu verlieren über den of besungenen, tausendfach beschriebenen, millionenfach fotografierten? Dieses Stein gewordenen Monument an die Liebe, das Schah Jehan beim Tod seiner Frau in Auftrag gab. Beschreiben braucht man es nicht, denn jeder hat ein Bild davon im Kopf. Aber eines kann man sagen: Es gibt vielleicht nur ein Wort, das dem Taj Mahal gerecht wird. Er ist schlicht schön. Perfekte, absolute, reine Schönheit. Nicht weniger, nicht mehr.


Wir sind Nummer 6 bis 8 in der Reihe, die sich morgens um sechs vor dem West Gate gebildet hat, in Faserpelz und Decken gehüllt. Zum Glück, denn bis zur Öffnung der schweren Holztüren  - exakt zum Sonnenaufgang um 6 Uhr 42 - stehen schon mehrere Dutzend Touristen in der Reihe. Dann beginnt der Run um die beste Fotoposition, durch den Hof und durchs ins innere Tor. Und da steht er im silbrigen Licht der Dämmerung - erhaben und imposant wie kaum ein Gebäude, das ich je erblickt habe.


Noch liegt er verlassen da. Und wir haben weiter Glück: Vom Yamuna steigt Nebel auf und legt sich wie Watte auf den östlichen Vorplatz. Darüber schimmert der Himmel in hellem Blau, und die Sonne giesst rosa Fäden auf die Kuppel und die Minarette. Der Taj scheint auf einer ätherischen Wolke zu schweben, und man wäre nicht erstaunt, wenn engelartige Wesen, harmonische Lieder singend, darnieder steigen würden. Man kann nicht anders als sich innerlich in Demut und Ehrfrucht zu verneigen vor den Menschen, die dieses Bauwerk erschaffen haben.


Der Zauber verfliegt mit den ausländischen Tourgruppen und den hunderten von indischen Besuchern, die nun eintreffen und den Garten und die Podeste, die Rampen und die Becken, in denen sich der Taj spiegelt, zu einem Rummelplatz machen. Doch die Erhabenheit des Bauwerks hält selbst diesem geballten Angriff stand. Und die Verrenkungen, die auf sich genommen werden, ums sich vor dem Taj in Foto-Position zu bringen, entbehren nicht einer gewissen Komik. Nicht zuletzt dank der Vielfalt der Besucher, die von indischen Gossfamilien über Studiosus-Gruppen bis zu leicht bekleideten Russinnen reicht, die in Minirock und hochhackigen Schuhen über die Marmorfliesen tänzeln.


Wir ziehen uns Mitte Vormittag zurück, ich komme mit Tim gegen Abend wieder. Nun füllen Tausende den weitläufigen Park vor dem Taj, und um hinauf auf das grosse Marmorpodest zu gelangen, muss man eine Stunde in Einerkolonne anstehen. Die Schlange wird rund um den Bau und auf der anderen Seite direkt wieder hinunter geführt. Wir bleiben unten, setzen uns hin und lassen Augen und Seele über den Taj schweifen, der von der Sonne in immer wärmeres Gold gekleidet wird. Tim beginnt zu zeichnen, bewundert und ermuntert von indischen Besuchern. Auch Shivaram Cool ist hier. So nennt sich der Jüngling tatsächlich, wenigstens auf seiner Hotmail-Adresse. Und cool ist er weiss Gott: eng tailliertes schwarzes Jacket, offenes schwarzes Hemd, dunkle Pilotenbrille, als wäre der Bodyguard des Bösewichts einer Bollywood-Schnulze entstiegen - allemal ein nettes Motiv vor dem vergoldeten Mahnmal der ewigen Liebe.

Am Tag zuvor hatten wir uns zum Mini Taj fahren lassen. Keine schlechte Einstimmung auf den richtigen Taj Mahal, ein süsses kleines Mausoleum direkt am Yamuna River, bereits in der gleichen Piedra Dura-Technik gebaut wie der Taj. Weisser Marmor, Einlegearbeiten mit harten Halbedelsteinen. In den Souvenirläden gibt es tausende Taj-Nachbildungen aus dem “harten Stein” zu kaufen. Nur ist der Marmor Speckstein und die Edelsteine sind Glas - trotz aller Echtheitsbeteuerungen der hartnäckigen Händler.


Zum Standardprogramm gehört auch der Besuch der Rückseite des Taj. Natürlich wie empfohlen zum Sonnenuntergang. Man zahlt 100 Rupies für den Eintritt in den Park. Nur um danach festzustellen, dass man am Ende der Strasse den gleichen Blick gehabt hätte. Gratis. Hinunter an den Fluss darf man nicht mehr, wenigstens die Touristen nicht. Doppelter Stacheldraht und Wachtürme versperren den Weg. Bewaffnete Soldaten patrouillieren und pfeifen gnadenlos alle zurück, die das kleine Tor öffnen wollen. Man hat Angst vor einem Terroranschlag auf eins der wichtigsten Symbole Indiens und das touristische Zugpferd Nummer Eins. Trotzdem versuchen es zwei israelische Rambos, alle Rufe und Schreie ignorierend. Sie müssen von der Truppe abgeführt werden. Auf dem Uferdamm zu sitzen und die Sonne über dem Fluss versinken zu sehen, ist trotzdem erbaulich. Man ist fast alleine, die Brise weht tausend Stimmen über den Fluss, verwoben zu einem Teppich von Geräuschen, die an das Murmeln eines Bergbachs erinnern, während die Sonnenstrahlen Farbenspiele auf die weisse Kuppel zaubern.


Der Kontrast zwischen dem Taj Mahal und dem Rest der Millionenstadt Agra könnte kaum grösser sein. Um das Rote Fort brandet der Verkehr in einer Intensität, die selbst für indische Verhältnisse beängstigend ist. Ochsenwagen, Rikschas, Kamele, Lastwagen, Motorräder und eine Unmenge von Fussgänger verstricken sich in den Gassen um die Jama Masjid zu einem dicken, undurchdringbaren Knäuel. Es geht weder vorwärts noch zurück, man ist eingekeilt in einer wabernden Masse, die einen Moment lang an Ort pulsiert, bevor sie sich auf wundersame Weise zu entwirren beginnt, unter wildem Pfeifen und Gestikulieren eines Polizisten ein paar Meter bewegt, nur um sich gleich wieder ineinander zu verzahnen. Der Lärm ist Ohren betäubend..Etwas in der Art von Trottoirs gibt es in Indien nicht.Die Strassen sind ein Band von löchrigem Asphalt zwischen Haufen von Dreck und Sand und Kies und Abfall, auf dem man sich irgendwie durchschlagen muss. Wenn man Glück hat, wird man nur von anderen Fussgängern angeremplet.

Die Stadt ist so abgrundtief hässlich, dass sie just dadurch einen gewissen Charme gewinnt. Es riecht nach Verfall, einige Häuser sind eingestürzt, in den Ruinen modert feuchter Abfall. Das schräg einfallende Licht der Sonne lässt die Abgasschwaden gelblich schimmern. Am Rand einer schwarzen, von einem Ölfilm bedeckten Lache verrichten Menschen ihre Notdurft. Und über allem liegt der Gestank von Exkrementen, Tierhäuten, Morast und Benzindämpfen. Es ist höllisch, und doch leben und arbeiten hier tausende von Menschen. Die Bazare sind voller Leben. Frauen kaufen leuchtende Saris. Kleine Buben tragen Chai-Gläser in einem Drahtgestell zu ihren Kunden. Junge Männer backen Chapati im Akkord, schlagen den Teig mit einer weit ausholenden, runden Bewegung an die Innenseite eines Ofens, um ihn nur ein paar Sekunden später abzuklauben und das würzig riechende Brot in einen Korb zu werfen.


In einer Seitengasse hocken Männer in dunklen Buden. Büffelmetzger. Vor ihnen stapeln sich abgehackte Hufe. Köpfe, aus denen die Augen hervorquellen. Därme und Herzen. Der Meister hält die Büffelschenkel über ein Feuer, um die Haare zu entfernen. Der Gestank ist bestialisch, im wahrsten Sinne des Wortes: versengtes Haar, vermischt mit dem süsslichen Geruch angebrannten Fleisches. Ein Junge schält danach die schwarzen Gebeine ab, entfernt die Sehnen. Man posiert gerne, wetzt die Messer, hat Freude am Besuch des Fremden, denn hierhin dürfte sich selten ein Tourist verirren.


Trotz solcher Szenen stellen wir nach vier Tagen fest: Wir fühlen uns in Indien pudelwohl. Tim geht erstaunlich gelassen mit dem Chaos, dem Lärm, dem Dreck und den manchmal abstossenden Erlebnissen um, er ist zufrieden, lacht viel und scheint glücklich. Es sei immer etwas los, findet er. Tiere auf der Strasse, der Verkehrstrubel, die halsbrecherischen Manöver der Rikscha-Faher, wenn sie zwischen Lastwagen und Kühen ihren Weg suchen. Die fremden Gerüche und seltsamen Produkte auf dem Markt. Die Farben. “Die schrägen Gestalten“, wie er sich ausdrückt. Und auch Kathrin hat sich alles viel schlimmer vorgestellt, die Händler aggressiver, die Männer aufdringlicher, die Massen beengender, die Hektik grösser. Vielleicht sind wir halt schon so oft und in einigen so genannt schwierigen Ländern gereist, dass uns selbst Indien nichts mehr anhaben kann. Und wir wissen: Wir haben Delhi und Agra problemlos gemeistert, nun kann uns nichts mehr schrecken.

Samstag, 28. November 2009

Das Gefühl der Freude beim Betrachten eines Fahrrads


Zwei Uhr morgens: Prashant steht da, ganz vorne an der Abschrankung, mit einem Schild mit unserem Namen in der Hand. Ein kleiner gedrungener Mann mit schütterem Haar. Hätte er nicht diesen schmalen, wie mit dem Bleistift gezogenen, spitz zulaufenden Schnauz, man glaubte, Ueli Maurer vor sich zu haben. Das Männchen nimmt sehr resolut unser Gepäck an sich, stapft voraus und lädt es in den winzigen Wagen. Es ist kalt in Delhi, in der Times of India wird stehen, dass die Temperaturen in dieser Nacht erstmals unter 12 Grad gefallen sind. Offenbar will Prashant so schnell wie möglich ins warme Bett, denn er rast durch die Schlaglöcher, als wäre der Teufel hinter im her. Oder Durga, die Rachegöttin. Die Strassen sind voller Laster, trotz der späten Stunde, die sich unberechenbar hin und her bewegen. Und wir brettern zwischen ihnen hindurch, als wäre die Bremse nie erfunden worden. Links. Rechts. Knapp vorbei. Beschleunigen. Wie in einem Computerspiel. Ich klammere mich vorne fest. Kathrin wird immer bleicher, Tim schliesst die Augen. Einfach nicht hinschauen, und irgendwann sind wir da. Das Abholen vom Airport ist inbegriffen, wenn man im “Incredible Guesthouse” wohnt. Aber der schnauzige Maurer will trotzdem Geld sehen, “for my good service”. Ich schiebe ihm müde 100 Rupies in die Hand, dankbar, dass wir heil angekommen sind. “Oh Sir, only small money, one more”. Welcome to India.


Das Guesthouse liegt in Karol Bagh, einem ruhigen Wohnquartier. Gegenüber klafft eine Lücke in den Häuserzeilen, wo ein paar Familien unter Zeltplanen hausen. Morgens um sechs holen sie irgendwo Wasser, machen Feuer, dessen Rauch auf unsere kleine Terrasse steigt, von der wir eine guten Blick auf das Elend haben. Auch mit dem muss man leben lernen in Indien: Die unbeschreibliche Armut, der Schmutz, die krassen Gegensätze zwischen Luxus und dem bodenlosen Nichts. Im Guesthouse lungern ein paar Typen rum, die sich höflich nach Wohlbefinden, Herkunft und vor allem nach weiteren Reiseplänen erkundigen. Immer wieder - und trotz mehrmaliger Beteuerungen, wir seien weder an Taxis noch an Führern noch an der Reservation von Zugtickets noch an einem Ausflug nach Agra interessiert. Und irgendwie schafft es der unglaublich freundliche Samir mit dem Versprechen, in seinem Büro gleich um die Ecke werde er uns einen Stadtplan geben, in ein dubioses Travel Office zu locken. Wir nehmen den Plan dankend entgegen und verabschieden uns dezidiert, als die Sprache auf Ausflüge und Taxis kommt. Der unglaublich freundliche Samir sitzt am Abend wieder im Hotel und ist nicht mehr so unglaublich freundlich.


Die Metro bietet eine probate Alternative zum Chaos auf den Strassen. Voll zwar auch sie, aber schnell und mit Fixpreisen. Wir stürzen uns ins Getümmel des Chandhi Chowks, des Marktes beim Bahnhof Old Delhi, lassen die ersten Eindrücke des indischen Lebens auf uns einwirken. Die schmuddeligen Pakora-Küchen am Strassenrand. Der Ohren betäubende Lärm des Verkehrs. Die rasenden gelb-schwarzen Rikschas. Der Duft nach frischem Brot. Der scharfe Gestank von Urin. Die tausend Farben der Saris. Die Ratten, die durch den Strassengraben huschen. Das Zischen des Öls in den schwarzen Bratpfannen. Die Menschenmasse, die jedes Individuum zur Nichtigkeit macht. Die winzig kleinen Läden, in denen aufgeblasen blickende Männer auf Stoffballen sitzen. Wir lassen uns nieder, bestellen Samosa, nehmen den ersten Pappbecher mit Chai in die Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger am oberen und unteren Rand zu halten, so dass man sich nicht verbrennt, und lassen die süss-bitter-scharfe Köstlichkeit über die Zunge rinnen. Es werden noch Dutzende dieser Becher folgen in den Wochen, die vor uns liegen.

 

Im Red Fort ist World Heritage Week. Gratis-Eintritt. Doch die Müdigkeit holt uns ein, der lange Nachtflug schmerzt in den Knochen. Wir ziehen weiter zur Jama Masjid, der grössten Moschee Indiens, setzen uns hin und geben uns den Farben hin: Roter Sandstein. Stahlblauer Himmel. Rot und gelb leuchtende Saris. Was für ein Kontrast zu China mit seinem Grau und Braun und Schwarz. Am Bahnhof New Delhi wird eine neue Metro-Linie gebaut, bis hinaus zum Flughafen. Denn 2010 finden in Delhi die Commonwealth Games statt. Alle zweifeln, dass der Bau termingerecht vollendet sein wird. Wir auch, denn das Chaos der Baustelle ist grandios. Trotzdem schaffen wir es irgendwie, am Foreign Tourist Office unser Zugsbillet nach Agra zu reservieren. Doch zuerst hatten wir einige Schlepper abzuschütteln, die einem hartnäckig weismachen wollten, das Büro sei umgezogen. In ihr eigenes Travel Office natürlich. Gleich auf der anderen Strassenseite, just come with me. Dann ist unsere Batterie für heute leer.
  
Humayans Tomb gilt als Vorläufer des Taj Mahal. Ein Kuppelbau aus weissem Marmor und rotem Sandstein, in einem weitläufigen ruhigen Park. Und auf dem Weg dorthin beginnen wir auch die Finessen des Rikscha-Fahrens zu verstehen. Der Preis muss nicht nur gut ausgehandelt werden, bevor man abfährt. In Delhi lohnt sich auch die klare Feststellung, dass kein Geld gezahlt wird, falls ein Zwischenstopp bei einem Laden eingeschaltet wird. Als unser Fahrer nach mehreren Versuchen merkt, dass uns damit ernst ist, gibt der Motor seiner Rikscha ganz plötzlich und ganz unerwartet den Geist auf. Wir steigen aus und suchen uns einen kooperativeren Fahrer, der uns in die weitläufige Parkanlage bringt. Eine Idylle im Herzen des Molochs. Grüner Rasen, wärmende Sonne. Imponierende Mogul-Architektur. Tim jagt die Streifenhörnchen, die zu Dutzenden über die weit ausladenden Äste der den Banyan-Bäume wuseln, leichte Beute für Raubvögel, die ihre Kreise in den Himmel schreiben. Grüne Papageien flattern aufgeregt durch die Ruinen. Vor einer halb verfallenen Moschee rollt ein Bub die Gebetsteppiche zusammen und trägt sie fort. Wir sind zufrieden.


Indien ist wie eine Wundertüte: Man weiss, dass man ein Geschenk erhält. Jeden Tag von neuem. Man weiss aber nie, was heute drin ist. Irgend etwas geschieht immer, garantiert. Etwas Schreckliches manchmal: Zwei Männer, die sich mit wüsten Schimpftiraden traktieren. Ein verkrüppelter Bettler, in verdreckten Lumpen, der einem an den Kleidern zupft. Immer wieder. Bis man weich wird vor Scham. Oder etwas Herz Erwärmendes: der Blick aus den tief grünen Augen eines muslimischen Mannes, der dir zum Abschied ein “Gott segne Dich” schenkt. Oder die Fahrradrikscha, beladen mit mindestens 15 Schulmädchen auf dem Weg nach Hause. Weinrote Uniformröcke, weisse Socken, die Haare, pechschwarz und glänzend, zu Zöpfen geflochten. Alle wie geklont. Das sind die Momente, die diese kleinen Schauer des Glücks den Rücken hoch kriechen lassen, bis sie den Kopf erreichen und sich wonnig ausbreiten. Jene Augenblicke des kurzen, aber intensiven Wohlgefühls, des inneren Lachens, wie ich sie nur in Indien zu empfinden vermag: Die Freude, ein simples Fahrrad vorbeiziehen zu sehen.


Wir lassen uns durch das Karol Bagh-Viertel treiben. Eine völlig untouristische Gegend, ein Wohn- und Geschäftsviertel ohne jegliche “Sehenswürdigkeiten” Aber gerade deshalb sehenswert. Delhi ist bedeutend weniger modern als die chinesischen Städte, und das Handwerk und das Kleingewerbe haben sich gehalten, sind noch nicht der Industrie und den Supermärkten und Boutiquen westlichen Stils gewichen. Ein Laden reiht sich an den anderen, einer kleiner als der andere. Sie haben schrullige Namen: “Nikoo Tailors: The Alteration King”. “Aerofrost: The Weather Control Engineers”. Die brauchen wir derzeit nicht, denn es ist mild und wolkenlos. Doch ich benötige dringend die Dienste des “Golden Hair Cutting Saloon”. Millionen Menschen halten sich in Indien mit dieser Art von Kleingewerbe über Wasser. Kaufen, verkaufen, reparieren, frisieren, braten, transportieren, schreinern, schneidern. Irgendetwas tun, um sich die zum Leben notwendigen Rupien zu verdienen.


Der Bahnsteig lässt kaum Raum für sechs weitere Füsse. Überall stehen Menschen und Gepäck. Kisten und Koffer. In Tuch verpackte Ballen. Immerhin: Der Zug nach Agra fährt auf die Minute pünktlich. Wir fahren S2-Klasse, einfache Bänke, non-AC. Aber mitten in den Leuten. Der Zug ist - wie fast immer in Indien - bis auf den letzten Platz besetzt. Acht Frauen aus Rajasthan teilen sich sechs Plätze, Kinder schreien, Telefone klingeln mit lautem Hindi-Pop. Das schöne an Zugreisen: Es gibt keine Essens-Stops wie bei den Bussen, denn Essen und Getränke kommen zu einem: Chai-Verkäufer bahnen sich ihren Weg durch die Gänge. Dann kommen Samosa. Bananen. Gefüllte Parathas. Ein Spielzeugverkäufer versucht sein Glück bei Tim, der nur zu willig wäre, würden die strengen Eltern nicht eingreifen. Und gerade als man glaubte, man sei unten auf der Leiter angekommen, kommt jemand daher, der noch weiter unten steht: ein verdreckter Junge, der Schuhe putzen will. Der blinde Mann schliesslich, der von Abteil zu Abteil schlurft und auf einer kleinen Flöte spielt, in der Hand eine Blechtasse, in die ab und zu eine Münze fällt. Dann spielt er etwas lauter, aber gleich falsch wie zuvor. Man schämt sich über sein eigenes Übermass an vielem, was andere entbehren, über den Zufall, in dieser und nicht in jener Haut geboren zu sein. Spürt Wut über die Ungerechtigkeit. Mitleid. Ohnmacht auch, weil es sich nicht ändern lässt. Dann schweift der Blick hinaus auf das gemächlich vorbei ziehende Land, die grünen Felder, auf denen am frühen Morgen ein ganz klein wenig Nebel liegt. Man schliesst die Augen, lauscht dem Rhythmus der Scheinen, blickt wieder zurück in dieses Abteil voller Leben und Lachen und Leiden. Man versöhnt sich mit der Welt. Und spürt wieder dieses wunderbare Gefühl. Die stille Freude, hier und jetzt zu sein, nur an diesem einen Ort sein zu wollen. Nirgends sonst und in keiner anderen Zeit. Will man es Glück nennen?

Freitag, 20. November 2009

Die Stadt der gnadenlosen Effizienz


Der Abschied von Nadine und Michael, von Roli und Karin und den Jungs fällt uns nicht leicht. Wir haben die Tage in Yangshuo sehr genossen und würden gerne noch bleiben. Doch wir müssen weiter, denn Kathrins Clan wartet in Hongkong auf uns. Wir haben den Sleeper Bus gebucht,  von Yanghsuo direkt an die Grenze nach Shenzhen und weiter bis Kowloon. Der Bus ist fast voll, als wir einsteigen, und bald sausen wir liegend durch die Nacht. Drei Schlafstellen pro Reihe, dazwischen je ein Gang, doppelstöckig, wie in den japanischen Zellenhotels. An gross gewachsene Menschen hat man indessen nicht gedacht, ich die Beine nur mit einigen Verrenkungen in die kleine Lücke unter dem Kopfteil des Vordermannes. Toiletten gibt es keine im Bus, und so empfiehlt es sich, nicht viel zu trinken. Irgendwie erhaschen wir alle ein paar Stunden Schlaf, bis Shenzhen dauert es indessen einiges länger als die versprochenen 10 Stunden. In der Dämmerung zieht eine irgendwie unwirkliche Stadtlandschaft an uns vorbei. Vor 30 Jahren ein Fischerdorf an der Perlfluss-Mündung, heute Zehn-Millionen-Stadt. Chinas erste Special Economic Zone, das Laboratorium des Kapitalismus chinesischer Prägung. Hier kam es erstmals nicht mehr auf die Farbe der Katze an, sondern nur noch um ihre Fähigkeiten, Mäuse zu fangen. So drückte sich der damalige Parteichef Deng Xiaoping aus, der für den Boom verantwortlich ist. Für all die Shopping Plazas, Banken und hypermodernen Glaspaläste, die moderne U-Bahn, die propereren Parks. Sogar den Eiffelturm haben sie nachgebaut in einem Vergnügungspark. Es grenzt an ein Wunder, dass er nicht höher ist als das Original.


Der Fahrer stellt uns an der Grenze ab, drückt uns ein Ticket für den Hongkong-Bus in die Hand. Stempeln. Fieber messen. Und wir sind drüben. Die chinesische Effizienz erfährt in Hongkong nochmals eine Steigerung. Alles klappt wie am Schnürchen. Nirgends liegt ein Papierschnitzel am Boden. Alles ist bestens signalisiert und angeschrieben. Auf chinesisch und englisch. Hallelujah. Wir checken im YMCA ein, direkt neben dem famosen Peninsula, nur zu einem Bruchteil des Preises. Und von unserem Zimmer sieht man direkt auf die Skyline von Hongkong Island. Was für ein Ort für Tim, um die Aufgaben zu machen. Hintendran werfen Neonlichter und Laser eine Show an den Himmel, als wäre jeden Abend Weihnachten. Wir holen Kathrins Mutter und Schwester am Flughafen ab, lassen es uns gut gehen bei einem indischen Diner in den Chunking Mansions, einem abgewrackten Gebäude mit zwielichtigen Hostels und Kneipen, die man nur auf düsteren Hintertreppen erreicht. Umso köstlicher ist das Essen.


Es ist Sonntag, der einzige Tag, an dem die zig-Tausend indonesischen und philippinischen Hausangesellten Hongkongs frei haben. Im heute ruhigen Finanzdistrikt von Hong Kong Island sitzen sie zusammen. Am Boden. Auf Bänken. In Unterführungen. Überall. Sie schwatzen, essen, lackieren sich die Fingernägel, tauschen Neuigkeiten aus. Das einzige Vergnügen in einem harten Leben, das aber immer noch besser zu sein scheint als jenes zuhause. Oder zumindest für die Familien, die in den Genuss des Geldes kommen, das über Western Union und Co. Nach Manila und Jakarta fliesst. Um die südostasiatischen “Amahs” hat sich eine umfangreiche Industrie gebildet. Telefonkarten. Geldüberweisung. Speditionsdienste. Billigkleider. Was nachgefragt wird, wird auch angeboten, wie üblich im Überfluss und mit heftiger Konkurrenz. Und gleich daneben verkauft Armani Sonnebrillen, die so viel kosten wie zwei Monatslöhne einer Haushalthilfe.


No Problem in Hongkong, der Stadt des unablässigen Geschäfte Machens. An keinem anderen Ort der Welt kommen Konsum und Geschäft so schamlos, so brutal aufdringlich, so allumfassend daher. Jeder kleinste Fleck ein Laden. Sich vorzustellen, dass etwas existiert, was es hier nicht zu kaufen gibt, ist absurd. Kein Segment wird ausgelassen, besonders gut vertreten ist die Luxusware. Gucci und Prada und Tiffany und Armani kommen gleich im Dutzend vor. Und selbst Swarovski, diese wohl Unnötigste aller Ladenketten, die jene unsäglich kitschigen Kristall-Dummheiten verscherbelt, floriert in mehreren Kopien. Kommerzielle Hirnwäsche. Ein permanenter Terror-Anschlag auf Sinne und Vernunft der Menschen, als wollte man sie immer weiter treiben, ihnen keine Sekunde Zeit zum nachdenken geben, damit sie nie wissen können, was sie tun. Besonders aggressiv sind die indischen Strassenhändler: “New suit, best tailor, need new shirt, Sir? Copy watch, copy bag, cheap price” - und eigentlich habe ich doch schon längst alles und in mindestens doppelter Menge. Wann ist es soweit, dass einem ein “copy life” angeboten wird? Ab Stange oder massgeschneidert, cheap price.


Wir sind verwirrt und zuerst wie betäubt. Und jeder reagiert auf seine Art. Chrige verfällt zuweilen dem Shopping-Fieber, Annemarie will nur raus aus den Massen, Tim und Kathrin stehen irgendwo dazwischen, ich versuche in die Natur zu gelangen, so oft es  geht. Zu fünft unterwegs zu sein, ist nicht ganz einfach. Und Reibereien bleiben nicht aus beim Versuch, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Und dies in einer Stadt, die niemanden kalt lässt. Hongkong nervt und fasziniert. Es vibriert und lärmt, strömt eine Energie aus wie New York, geprägt aber vom Kommerz, weniger von Kultur. Die Doppelstöckerbusse - jeder eine rasende Werbefläche -  brummen wie wilde Hornissen durch die Stadt. Pausenlos und immer zu schnell. Einer kippt um, wie wir in der Zeitung lesen. Ein Toter, mehrer Schwerverletzte. Mit zu hoher Geschwindigkeit in eine Kurve gegangen. Das erstaunt uns nicht, als wir uns von einem dieser Maschinen über Hong Kong Island tragen lassen, eine Kurve um die andere, nach Stanley und weiter zum Shek O Beach. Es ist heiss und feucht. Etwas neblig zwar, aber trotzdem toll für ein Bad im lauen Meer. Ich schwimme mit Tim auf das draussen vertäute Floss. Das Schild lesen wir erst später. “Wegen Unterhaltsarbeiten wurde das Hai-Netz vorübergehend entfernt”. Und: “Sorry for any inconvenience caused”. Ist doch nett, wenn sich wenigstens jemand entschuldigt, wenn man das Bein abgebissen gekriegt hat. Als Rache quasi machen wir uns in einem der zahllosen Seafood-Restaurants über Krabben und Scampi her. Göttlich.


Auch das ist Hongkong: Zahllose Fluchtpunkte aus dem Grossstadt-Dschungel. Die New Territories, zwar zunehmend von den immensen Vorort-Siedlungen überzogen, welche die Slums ersetzt haben, aber immer noch weitgehend bewaldet. Subtropischer Dschungel. Wanderwege über sanfte Hügel, durch kühles Grasland. Dann die Outlying Islands, die vielen kleinen Inseln vor der Küste, die richtig romantisch sind. Cheung Chau etwa. Autofrei, Strassencafés, Wander- und Velowege. Wir mieten Velos und gondeln über die Insel, baden am Afternoon Beach. Oder Sai Kung in den New Teritories, wo uns ein Sampan zum Picknick auf eine kleine Insel bringt. Am Pier verkaufen Fischer den Fang direkt an die Besucher. Eine Unmenge an Getier. Krabben. Hummer, Langusten, Schnecken. Tintenfische. Kalmare. Jede erdenkliche Fischart. Grouper. Papageienfische. Die Restaurant bieten die gleiche Auswahl in ihren riesigen Tanks. Doch die Preise sind stolz: Gegen 100 Franken für einen anständigen Hummer. Wir verzichten und landen wieder beim billigen Inder.


Gibt es eine Stadt, die besser organisiert ist und effizienter funktioniert als Hongkong? Ich bezweifle es. Der öffentliche Verkehr läuft schlicht perfekt. Die Metro ist schnell, hell, modern und fährt in allen Richtungen alle paar Minuten. Selten wartet man irgendwo auf eine Verbindung. Dann die Busse. Eines der dichtesten Netze der Welt. Die doppelstöckigen Trams. Die Fähren. Die Star Ferry. Perfekt. Und überall ist alles prächtig angeschrieben. Hinweisschilder, Pläne und Karten. Ankündigungen über den Lautsprecher über alle möglichen Gefahren und Risiken, die doch noch drohen könnten - “Beware of Pickpockets” - und mit guten Wünschen: “Enjoy your Day in Hongkong”. Das übertrifft an obrigkeitlicher Fürsorglichkeit selbst die USA, die damit ja auch nicht geizen. Und sauber ist diese Stadt. Brigaden von Putzequipen sammeln alles sofort ein, die Strände sind stets piekfein gesäubert, es hat Toiletten mit Papier, Umkleidekabinen und Duschen und Fahrradabstellplätze. Der Clou: Selbst die kleinen Sandkästen, in denen die Hunde ihr Geschäft zu machen freundlich aufgefordert werden, sind morgens jeweils frisch gerecht. Unglaublich. Will man sich da noch aufregen, dass am Strand eigentlich alles verboten ist, was Spass macht: Ball spielen. Musik hören. Frisbee spielen. Fischen. Drachen steigen lassen. Alles mit entsprechendem Piktogramm. Vielleicht aber, denkt man, ist alles einen Tick zu steril. Etwas langweilig gar. Und ist die Frage ketzerisch, ob die Maschine nur deshalb derart perfekt geölt wird, dass Geschäft und Kommerz nicht gestört werden?


Hier spielt der Markt. In jeder Beziehung. Ob virtuell, mit Elektronik, Schmuck, Kleidern, Tieren oder Lebensmitteln. Die Auswahl an Kuriositäten ist exquisit. Singvögel in Drahtkäfigen oder gerupft im Jutesack. Krabbengetier aller Art. Goldfische, die durch Züchtungen und Kreuzungen dazu gebracht wurden, Fettklopse anzusetzen oder über den Augen rote Pompons zu entwickeln, als wären sie Cheerleader für ein Football-Team. Heilmittel und Kräuter, die sich der westlichen Kenntnis und Beschreibung entziehen. Gedörrte und getrocknete Echsen, Seegurken, Vogelnester und Haiflossen. Es gibt nichts das vier Beine hat, das die Chinesen nicht verspeisen - außer einem Tisch. Wir defilieren über die Märkte, haben bei fast allem keine Ahnung, was das ist und wie es schmeckt, wollen es auch nicht wirklich wissen. Mit der chinesischen Küche kommen wir immer noch nicht klar. Alles wabert und blubbert, Geschmack und Konsistenz behagen uns nicht, zum Glück gibt es Thais und Vietnamesen und Inder.


Als wir die obligate Fahrt auf den Peak machen, beginnt es zu regnen. Die Sicht auf das Häusermeer ist trotzdem erstklassig. Dafür lassen wir einen strahlend schönen Tag im Ocean Park verstreichen, einem von Menschen überschwemmten Vergnügungspark. Uns gefällt die Quallen-Ausstellung, Tim die Delfin-Show. Klar: Auch seine Bedürfnisse wollen beachtet sein, und am Abend schreibt er den längsten Tagebuch-Eintrag der ganzen Reise. Dafür kehrt der Nebel zurück, als ich mit Tim auf Lantau wandern gehe. Männertag, die Mädels zieht es in die Läden. Wir fahren mit der Gondelbahn nach Ngo Ping. Unten starten die Jumbos auf dem Flughafen, oben thront der grösste sitzende Buddha der Welt. Das ganze ist, wen wundert’s, nicht der Spiritualität geweiht, sondern dem Kommerz. Im künstlichen Village gibt es die Multivisions-Show “Walking with Buddha“, unter dem Bronze-Riesen breitet sich - sehr passend - das  Gautama Shopping Plaza aus. Wie war das doch gleich: Wahre Freiheit erreicht, wer allen materiellen Wünschen und Begierden entsagt. Hongkong scheint ein einziges grosses Gefängnis zu sein.


Der Treck über die Insel entschädigt für den Buddha-Nepp. Wir wandern durch karges Grasland, immer auf dem Grat der Hügel, von denen man auf beiden Seiten das südchinesische Meer sähe. Nicht heute, denn Nebel wabert über die Kuppen. Macht nichts, die Stimmung ist toll, wir fühlen uns wie im schottischen Hochland. Und wir begegnen auf dem ganzen Treck bloss zwei anderen verirrten Seelen. “Mindestens fünf bis sechs Stunden” haben man für die Strecke nach Tai O zu rechnen, hatte man uns im “Wilderness Centre“ gewarnt, und mit einem so kleinen Jungen sei das doch ein bisschen gefährlich, denn es gehe ein paar Mal steil bergauf. Wir schaffen es in weniger als drei Stunden. “Chinesentempo”, grinst Tim, als wir durch dichten Wald und Eukalyptus-Alleen dem Ziel zu stapfen.

Der Winter bricht herein. Seit exakt 54 Jahren habe es im Norden Chinas nicht mehr soviel geschneit im November, schreiben die Zeitungen. Dutzende Menschen starben, als ihre Häuser unter der Schneelast kollabierten. Und schon machen Kritiker das “Wolken impfen” für den Schnee verantwortlich, die Versuche der chinesischen Behörden, jeweils zu wichtigen Ereignissen die Niederschläge zu vertreiben. Oder ist es einfach die bereits alltägliche Feststellung, dass das Klima einfach verrückt spielt, wohin man auch kommt. Monsunregen zu Unzeiten in Nepal, schwere Dürre im Süden Chinas, Schneestürme im November. Wie auch immer: Der Kälteeinbruch erreicht auch Hongkong, just als wir uns für die letzen zwei Tage zur Erholung auf Lamma Island zurückziehen. 12 Grad. Eisiger Wind.


Schlimm ist’s nicht. Die Insel ist verkehrsfrei und traumhaft ruhig. Tim badet sogar nochmals im Meer, am Strand direkt vor unserem gemütlichen kleinen Hotel. Wir spazieren in Faserpelz und Windjacke über die Insel und freuen uns auf die Wärme und die Farben und Gerüche Indiens, die uns erwarten. Wir schreiben und lesen und schlafen. Lamma ist eine Fischerinsel, die vor einiger Zeit von europäischen Expats entdeckt wurde. Viele leben hier, pendeln mit der Fähre in 25 Minuten nach Central, keine schlechte Idee. Es gibt Läden, die Roquefort, Baguette und Rohschinken verkaufen, perfekt für ein Picknick. Und wir entdecken das Bookworm-Café. Tolle vegetarische Küche, gute Musik, Kaffee und Kuchen. Bücher zum schmökern. Das Motto des sympathischen Betriebs: “Live simple, so others can simply live“. Nett, aber in Hongkong eine ziemlich exotische Einstellung.