Freitag, 8. Januar 2010

Tims grosse Enttäuschung


Bisher haben wir längere Strecken mit dem Zug zurückgelegt und Busse vermieden. Zu viele Kurven, zu viele Kamikaze-Fahrer. Doch nun kommen wir nicht mehr darum herum. Wir lassen uns fünf Stunden durchschütteln und kommen gerädert in Madikeri an. Kein Vergleich zur komfortablen Zugreise. Dafür ist jeder kleinste Ort erschlossen. Und die Busse fahren in der Regel alle Stunde in jede gewünschte Richtung. Nicht schlecht.


Madikeri liegt auf dem Coorg-Plateau, einer hügeligen Gegend westlich von Mysore, in die sich selten westliche Touristen verirren. Dafür Massen indischer Besucher aus Mysore und Bangalore, welche die Weihnachtsferien hier verbringen wollen. Schon auf der Fahrt in die Berge hatten uns Dutzende hoch beladener Minivans und kleiner Busse überholt, und wir befürchteten Schlimmes. Tatsächlich sind die meisten Hotels ausgebucht und wir können uns noch knapp ein Zimmer in einer Bruchbude sichern. Zu einem überhöhten Preis, selbstredend.


Madikeri ist potthässlich. Die Stadt zieht sich über ein Paar Hügel hin, die Strassen sind voller Schlaglöcher, die Gebäude scheinen zu zerbröseln, alles starrt vor Schmutz. Der Dreck ist allgegenwärtig, wohin man auch kommt, überall in Indien. Aber einige Orte scheinen die Bemerkung des indischen Umweltminister untermalen zu wollen, der kürzlich sagte, wenn es einen Oscar für das schmutzigste Land der Welt gäbe, Indien würde ihn ohne jegliche Konkurrenz gewinnen. Madikeri ist zweifellos einer dieser Orte. Nasser modernder Abfall. Plastiksäcke. Zerfledderter Karton. Verfaulende Orangen, die einen stechenden säuerlichen Gestank verbreiten. Nach bald zwei Monaten in Indien beginnt der Dreck zu nerven. Diese unglaubliche Vernachlässigung, ja Verachtung des öffentlichen Raumes. Der Missbrauch des Allgemeinbesitzes als Abfallhalde. Ist es Gedankenlosigkeit, mangelndes ästhetisches Bewusstsein? Nachzuvollziehen ist es für uns jedenfalls nicht.


Es beginnt zu regnen. Zum ersten mal, seit wir in Indien sind. Sehr unüblich für diese Jahreszeit, sagt man uns. Aber das unübliche Wetter ist ja inzwischen das normale Wetter. Sofern es dieses noch gibt. Wir machen uns trotzdem mit dem Bus auf nach Bhagamandala und von dort nach Talacauvery, der Quelle des Cauvery, eines der heiligen Flüsse Südindiens. Wir sind nicht die einzigen. Hunderte von Autos und Bussen quälen sich die Serpentinen hoch. Der Parkplatz beim unvermeidlichen Tempel bei der Quelle ist hoffnungslos überfüllt, die Strasse blockiert. In einer langen Reihe stehen die Pilger an, um vom Priester mit heiligem Cauvery-Wasser besprenkelt zu werden. Die ganz mutigen tauchen ins Becken ein und können den Segen ohne Schlange zu stehen empfangen. Tim trifft mit einer Rupie im ersten Versuch das Becken des Nandi-Bullen, das tief unten in einem Brunnen steht. Soll Glück bringen.

Trotzdem giesst es die ganze Nacht wie aus Kübeln, und am nächsten Tag sind die Strassen voller Schlamm. Was den Anblick des Abfalls nicht erträglicher macht. Wir mieten uns den ganzen Tag ein Taxi, es klart auf, und wir fahren zum Dubare Elephant Camp. Ein Paradies für Tim, der sich halt immer noch am meisten für Tiere begeistern kann. Ob es nun streunende Hunde und Katzen sind oder eben - und umso besser - Elefanten. In Dubare trainiert das Karnataka Forest Department 18 Elefanten. Sie sind primär eine Touristenattraktion, kommen aber auch in Tempelfestivals und bei Prozessionen zum Einsatz. Auch hier ist der Andrang tausender indischer Ausflügler gewaltig. Doch Tim lässt es sich nicht nehmen, bei Waschen der Dickhäuter mitzuhelfen und schiebt ihnen danach Banane um Banane in den Mund. Selbst ein kurzer Ritt ist drin. Alles gegen entsprechende Bezahlung natürlich.

Die zweite Attraktion ist das Goldene Kloster in Bylakuppe. Seit den 60er Jahren leben hier Tibeter und haben inzwischen eine der grössten tibetischen Gemeinschaften ausserhalb ihrer Heimat aufgebaut. 20’000 Tibeter sind in der Gegend ansässig, davon 8000 Mönche. Das Zentrum ist das Goldenen Kloster von Namdroling, ein - oh Wunder - blitzsauberes Gelände mit lang gestreckten Wohnblocks für 2000 Mönche, die sich um den Tempel gruppieren. Das Heiligtum ist keine 20 Jahre alt, strahlt aber eine Kraft und Ruhe aus, die sich wohltuend vom Chaos ausserhalb der Mauern abhebt. Die Gebetshalle ist beeindruckend. Farbenfrohe Wandmalereien schmücken alle vier Seiten, zwei Drachensäulen fassen die riesigen goldenen Statuen dreier Buddhas ein. Wir setzen uns an den Boden und geniessen die Pracht.

Coorg ist Coffee Country. Sanft geschwungene Hügel - man nennt sie hier Berge -, auf denen früher Dschungel wuchs. Auf den höchsten Gipfeln steht dieser immer noch, doch in tieferen Lagen ziehen sich die Kaffee-Plantagen übers Land, beschattet von den Bäumen, die der Kultivierung der Gegend nicht weichen mussten. Ein Estate reiht sich ans andere, die meisten haben heute auch Gästezimmer. Die Strassen durch diese liebliche Gegend sind indessen miserabel. Und so dauert unsere Busfahrt nach Tholpetty, unserem nächsten Ziel, fünf Stunden. Für 100 Kilometer. Wir müssen dreimal umsteigen, doch immerhin klappen die Verbindungen, und nach zehn Minuten bricht der nächste Bus jeweils auf. Wir staunen.



Trotzdem ist das Bus fahren ermüdend. Das eingequetscht sein in enge Stuhlreihen. Die Schlaglöcher, die kein Ende nehmen. Aber auch ein Erlebnis, das einen nahe an die Menschen bringt, die in dieser Gegend leben. Sie nehmen die Enge und das Schütteln und Holpern stoisch hin. Stundenlang, ohne sich zu beklagen. Nur wenn es ans ein- oder aussteigen, ist es vorbei mit Ruhe und Gelassenheit. Noch bevor alle Passagiere ausgestiegen sind, drängt sich die Traube der Wartenden schon in den Bus. Rücksichtnahme. Fehlanzeige. Und wenn man einen Sitz hat, macht jeder die Schultern breit, um den Platz auf den letzten Zentimeter zu verteidigen. Vielleicht wird man so, wenn man in einer Land mit 1,1 Milliarden Menschen aufwächst, wo Raum ein kostbares Gut ist. Wo man nie allein reist. Wo es für ganz viele Menschen schlicht keine Privatsphäre gibt.

Tholpetty ist der wahre Dschungel, ein Wildlife Sanctuary, das bereits in Kerala liegt. Wir quartieren uns im Pachyderm Palace ein, dem Dickhäuter-Palast, einem Homestay direkt am Parkeingang.  Es gibt Elefanten hier, Wildschweine, Bisons, Wildrinder und sogar Tiger und Leoparden. Tim freut sich wie ein kleines Kind. Ist er ja auch. Auch wenn er uns zuweilen, ziemlich altklug, und langatmig wie der Vater, die kulturellen Unterscheide zwischen Nord- und Südindien erklärt. Darauf hinweist, dass im Süden viel mehr Männer traditionelle Kleider, den Dhoti oder Lunghi, trügen. Und dass der Süden viel reicher sein müsse, weil man viel mehr grosse neue Häuser sehe.


Doch am nächsten Morgen kommt die grosse Enttäuschung. Da es zuviel geregnet hat, dürfen keine Jeeps mehr in den Park. Die Strassen sind zu schlammig. Und auf den Treck zu Fuss dürfen Kinder unter 15 Jahren nicht mit. Sie könnten zu wenig schnell fliehen, heisst es, falls ein Elefantenbulle angreife. Als ob die 65jährigen mit Bierbauch schneller unterwegs wären. Alles insistieren und ein dezentes Bakschisch-Angebot helfen nicht. It’s the law, Sir. Bitter enttäuscht trottet Tim mit Kathrin zum Guesthouse zurück. Aufgaben machen statt Elefanten-Safari….Ich laufe los. Mit vier anderen Touristen, Führer und Bewacher mit uralter Knarre. Sehen tun wir wenig: Drei Elefanten, eine Affenhorde, einen Bison, eine müde Ratte und Tigerspuren im Schlamm. Und alles aus 100 Metern Entfernung. Aber wenn man in afrikanischen Wildparks war, ist man halt ein wenig verwöhnt. Tim ist trotzdem untröstlich. Denn auch bei den beiden Night-Safaris - kurzen Jeep-Fahrten der Strasse entlang - kommen die Elefanten nicht aus dem Dschungel.


Am nächsten Tag versuchen wir es mit dem Nagarhole-Nationalpark, der 15 Kilometer entfernt liegt. Hier kann man mit Bussen auf Pirsch gehen, gefüllt mit wild durcheinander plappernden indischen Touristen. Sanjana, unsere Führerin, erzählt begeistert, was sie gestern alles erblickt hätten: Elefanten, Bisons - und am Schluss sogar einen Tiger. Doch wir haben wieder Pech. Ausser ein paar Pfauen und einem Rudel Rehe lässt sich nichts blicken. Tomas, der Chef des Guesthouses, tut alles, um es noch wahr zu machen, geht auf Pirsch, entdeckt Elefanten am Strassenrand, ruft seinen Sohn an. Wir rasen mit dem Jeep hin. Klar, als wir dort sind, sind sie weg. Die Bemerkung, er habe ja im Elephant Camp Elefanten gesehen, beruhigt Tim nicht. Das sei nicht das gleiche. Recht hat er. Wir werden wohl irgendwann nach Afrika fahren müssen. Bis dann müssen junge Ziegen reichen.

Fern von Weihnachten


Das System funktioniert einwandfrei und man kommt immer überall hin, wo man will. Irgendwie und irgendwann. Doch anstrengend ist das Reisen trotzdem. Zu Fuss an die Fähre. Warten. Mit dem Mafia-Boot über der Fluss. Zu Fuss an den Rikscha-Stand. Mit der Rikscha nach Hospet. Ticket kaufen und warten. Der Passenger Train nach Hubli fährt ein. Reservieren war nicht möglich, denn es gibt nur die dritte Klasse. Die wartenden Massen stürzen sich an die Türen, zwängen ein Gepäckstück durch die vergitterten Fenster, um sich einen Sitz zu ergattern. Wir schicken Tim vor, der sich durch die dichte Traube lärmender Leiber quetscht und sich in ein fast leeres Abteil legt. Doch leer bliebt es nicht lange und Tim verbringt vier unvergesslich enge Stunden, eingequetscht zwischen schwarz gewandeten muslimischen Matronen. 


Die Schleier fallen schnell und wandern in die Handtasche. Man kommt ins Gespräch, so gut es eben geht. Tauscht essen aus. Der Zug hält am kleinsten Bahnhof, die Abteile leeren und füllen sich im regelmässigen Rhythmus wie ein pulsierender Zell-Organismus. Leer bleibt ein Sitz nie. Schnell kommen wir nicht vorwärts. Bequem ist es nicht. Aber die Reise bleibt in Erinnerung: Mit Tim an der offenen Zugtüre stehen, sich festhalten an den blanken Eisenstangen. Die Landschaft langsam vorbeiziehen sehen. Reisfelder. Ein Ochsenkarren. Lange Reihen hupender Lastwagen. Frauen mit Wassertöpfen auf dem Kop. Büffelherden im hohen Gras. Unbezahlbar. Für alles andere gibt es bekanntlich Mastercard.



Wir erreichen Hubli. Wieder warten. Biryani essen. Der Nachtzug nach Mysore trifft pünktlich ein. Wir haben Schlafplätze im klimatisierten Viererabteil, ketten das Gepäck an und legen uns hin. Und neun Stunden später sind wir in Mysore. 600 Kilometer weiter südlich. Tim wird krank und legt sich ins Bett. Magenverstimmung. Ich beginne Mysore zu erforschen, die erste grössere Stadt, die wir besuchen, seit wir Bhopal verlassen haben. Und sogleich kehrt das Gefühl der Enge wieder zurück. Das Gefühl des überfallen und in die Ecke gedrängt werden. Das Gebrüll des Verkehrs. Das An-  und Abschwellen der Hupen, als würde ein Schwarm Zikaden im Strassengraben sitzen. Der Gestank der Benzindämpfe, die über den Strassen liegen. Der Fluchtimpuls kommt auf, das untrügliche Gefühl, von all dem schon zu viele gesehen zu haben.


Immerhin ist Mysore im Vergleich zu anderen Städten eigentlich ein ganz angenehmer Flecken. Es gibt Parks und charmant bröselnde Kolonialgebäude, die Strassen sind von weit ausladenden Bäumen gesäumt. Und es gibt den Devaraja-Markt im Zentrum der Stadt. Ein Fest für alle Sinne. Draussen vor den Markthallen stapeln sich die Bananen in den Himmel. Die kleinen aus Kerala, an der Staude noch und bloss zwei Daumen gross, aber zuckersüß. Daneben der Fleischmarkt, der einen zum Vegetarier machen könnte.


Jämmerliche, von Rivalen um den engen Platz im Käfig blutig gepickte Hühnchen werden im Akkord geschlachtet, indem man ihnen der Hals umdreht. Noch zuckend werden sie gerupft, falls sie überhaupt noch Federn haben. Die Abfälle verrotten in grossen Haufen, es stinkt nach Blut und Fäule, dass sich der Magen zu drehen beginnt. Daneben rösten Männer Ziegenköpfe in einem mit Kohle gefüllten Metallbecken. Und hinten werden die versengten Schädel in Stücke gehackt und verkauft. Findet sich die Blut triefende, fettige Masse heute Abend im Mutton Masala?


Bedeutend appetitlicher ist das Gemüse, das die Händler zu hohen Bergen geschichtet haben. Da liegen Auberginen neben Jojo, einer schrumpeligen grünen Knolle. Okra neben Blumenkohl. Roter Chilies haben sich zu den Gurken verirrt. Bohnen und Linsen gibt es in zahllosen Varianten. Dann Tomaten und Kokosnüsse, Zwiebeln und Knoblauch und Ingwer. Äpfel und Trauben. Bananenblätter, auf denen in manchen Restaurants das Essen serviert wird.


Das grösste Gedränge herrscht auf dem Blumenmarkt. Das grösste Geschrei auch. Und die besten Gerüche. Nach Jasmin und Ringelblumen und Rosen. Und nach Sandelholz, das die Parfümhändler den Touristen andrehen wollen. Die Blumen-Wallahs thronen in ihren Buden auf Podesten aus Holz, vor ihnen haben sie Haufen von Blüten aufgetürmt. Kinder und junge Männer stecken sie derart schnell auf Nadeln, dass der Blick ihren Bewegungen kaum zu folgen vermag. Daraus entstehen Gestecke und meterlange Girlanden, die auf dem Boden zu hohen Rollen gelegt werden, damit sie sich nicht verknoten können.  

Es ist bald Weihnachten, auch wenn man davon wenig merkt. Höchstens an kitschigen Glitter-Girlanden, den Plastik-Weihnachtsbäumen und den grossen Sternen aus Karton. Auch wir sind nicht in Stimmung. Zu weit weg ist die Athmosphäre von dem, was wir mit Weihnachten verbinden, von Kälte, Schnee und Dunkelheit. Feste und Feiern sind wohl weniger an ein Datum gebunden, sondern an Stimmungen und den Assoziationen, die sie erwecken, der Umgebung, in denen sie üblicherweise stattfinden.


Dass sich unser Hotel in der Kinomeile Mysores befindet, ist in dieser Beziehung auch nicht hilfreich. Jeder Quadratmeter ist vollgepflastert mit Plakaten der neusten Filme. Leicht geschürzte üppige Tänzerinnen konkurrieren mit bärtigen oder zumindest beschnauzten Helden um die Aufmerksamkeit. Die Plakate sind mit Blumengirlanden verziert, vor den Kinos versammeln sich schon mittags riesige Mengen jugendlicher Männer, die bis hinaus auf die Strassen quellen und den Verkehr auf die andere Strassenseite drängen. Es sind “local movies”, wie wir uns sagen lassen, Produkte der tamilischen Filmindustrie, billige Gangster- und Abenteuer-Stories meist. Erfolgreich scheinen sie trotzdem zu sein.


Den 24. Dezember verbringen wir im Maharaja-Palast, einem Zuckerbäcker-Schloss im Zentrum der Stadt, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem britischen Architekten gebaut wurde, nachdem der alte Holzpalast niedergebrannt war. Und am Abend, so dachten wir, wollen wir uns etwas Besonderes leiten: das Weihnachts-Buffet im Lalitha Mahal Palace, einem Palasthotel am anderen Ende der Stadt. Der Esssaal ist beeindruckend, die Lobby ebenfalls. Eine breite Freitreppe führt in den oberen Stock, auf der Zwischenetage steht ein ausgestopfter Tiger und eine ebenso verstaubter Löwe in Glasvitrinen. Jagdtrophäen des früheren Besitzers. Stolz zeigen uns zwei Angestellte die Maharajah-Suite. Vier Räume mit altmodischem Mobiliar. Ein verrosteter uralter Hometrainer im Badezimmer. Verrissene, fleckige Teppiche. Für 800 Dollar pro Nacht. Indischer Stil halt, abgewohnt und schmuddlig, auch im Luxusbereich.


Wir befürchten das Schlimmste für das Weihnachts-Buffet. Und tatsächlich erhalten wir den bei weitem teuerste und eines der schlechtesten Essen, die wir in Indien vorgesetzt bekamen. Pampige Curries, verkochte Spaghetti, fade Vorspeisen, klebrige Dessert. In jedem billigen Thali-Restaurant hätten wir besser gegessen. Dafür kommt ein Samichlaus vorbei und verteilt kleine Geschenke. Und vorn auf der Bühne klimpert ein gelangweilter Pianist auf dem E-Piano Weihnachtsweisen. Oder was er glaubt, das könnte das sein.. Wenn sein Handy läutet, plappert er minutenlang lautstark. Inzwischen lässt er eine Rumba-Rhythmus in Endlosschleife laufen. Unterhaltung im indischen Fünf-Sterne-Hotel.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Das Murmelspiel der Götter


Lakshmi, daran besteht kein Zweifel, würde Falschgeld sofort erkennen. Eigentlich logisch für die Göttin des Wohlstands und es Reichtums. Sie schnuppert kurz an jeder Münze, bevor sie sie ihrem Mahout nach hinten reicht. Bekommt sie Bananen in den Rüssel geschoben, befördert sie diese ebenso zielsicher direkt hinter die riesige fleischige Zunge in ihrem rosa Mund. Und der edle Spender geht auch nicht leer aus. Der Tempelelefant berührt mit seinem haarigen Rüssel ganz zärtlich seinen Kopf. Man darf sich als gesegnet betrachten. Wir lassen es alle drei geschehen und fühlen uns gleich voller Energie.


Zuvor konnten wir beobachten, wie Lakshmi unten am Fluss gebadet wurde. Der Mahout schrubbt jeden Quadratzentimeter Haut mit einer groben Schuhbürste und Lakshmi selbst beendet den Job mit prustenden Rüssel-Duschen. Dann wird das Grautier frisch bemalt, denn Lakshmi ist ein Star: Drei graue Streifen auf die Stirne, darüber ein gelber Kreis mit rotem Punkt. Sie bringt die Massen in den Virupaksha-Tempel. Und damit das Geld. Und sie wird in ein paar Tagen im Zentrum einer Prozession stehen, mit der an das erinnert wird, was sich hier am Ufer das Thungabhadra-Flusses vor exakt 500 Jahren ereignet hat.


Wir sind in Hampi. Heute ein verschlafenes Nest und das, was man einen Traveller-Hangout nennt. Im Jahr 1509 bestieg hier Krishna Deva Raya den Thron Vijayanagars und leitete das Goldene Zeitalter des Hindu-Königreiches ein, das sich damals von Küste zu Küste erstreckte und den lukrativen Gewürzhandel fast vollständig kontrollierte. Das Monopol zahlte sich aus, und die Herrscher der “Stadt des Sieges” errichteten einen Tempel nach dem anderen. Doch 1565 hielt das Bollwerk, das die dravidischen Königreiche des Südens gegen den Vormarsch des Islam geschützt hatte, dem Ansturm der Muslime nicht mehr stand. Nach der Niederlag in einer Schlacht gegen die Sultane von Bijapur wurde die damals grösste Stadt Asiens vollständig geschleift.


Die Plünderer haben ganze Arbeit geleistet. Denn übrig geblieben sind nur noch einige wenige Tempelruinen, kleine Pavilions, Überreste von Palästen und Ställen für die Elefanten, die schon damals in den Tempeln (und auf den Schlachtfeldern) zu tun hatten. Allzu beeindruckend sind sie nicht, wenigstens im Vergleich zu den Bauwerken, die wir im Norden gesehen hatten. Doch Hampi lebt von der Landschaft, in welche die Ruinen eingebettet sind: Die Hügel sind übersät mit aufeinander getürmten runden Felsen, als hätten die tausend Götter des hinduistischen Pantheons mit Murmeln gespielt, Streit bekommen - was indische Götter oft und ausgiebig tun -  und die Kugeln danach in einer wilden Schlacht übers Land verstreut. Manche kleben in schier unmöglichen Positionen aneinander, als müsste man sie nur anschubsen, damit sie das Gleichgewicht verlieren und in die Tiefe purzeln. Das tun sie aber nicht, und man kann bestens auf ihnen thronen, um den Sonnenuntergang zu geniessen. Dazwischen mäandert der Thungabhadra. Frauen waschen Kleider. Sadhus, geschmückt mit Pfauenfedern auf ihren orangen Turbanen, sitzen auf den Treppen der Ghats und schnorren die Touristen an. Die übliche indische Szenerie halt. Folklore-Kitsch, aber immer gemischt mit einem Schuss Authentizität.


Bis vor zwei Jahren hat man den Fluss in Coracles überquert, mit Teer und Plastikplanen abgedichteten, kreisrunden Körben aus Weidengeflecht. Das hat bloss 5 Rupies gekostet und bot einigen Bootsleuten aus dem Dorf ein ganz anständiges Auskommen. Dann kam die Distriktregierung auf die blendende Idee, eine Konzession für eine Motorfähre auszuschreiben und diese zu versteigern. Das brachte viel Geld ein, das irgendwo hinfloss, aber bestimmt nicht in die Verbesserung der Infrastruktur des Dorfes. Der Mann, der die Konzession erwarb, ist einer der reichsten in Hampi - und offensichtlich will er das in das Fährmonopol investierte Geld so schnell wie möglich wieder hereinbringen. Nun kostet die Fahrt 15 Rupien, die Fähre legt erst ab, wenn sie voll ist, und nach 18 Uhr zahlt man 50 Rupies. Zudem haben dutzende Bootsmänner keine Arbeit mehr. Eine Verschlechterung der Situation für alle also - ausser für ein paar korrupte lokale Beamte und den Konzessionär der staatlich lizenzierten Fähren-Mafia.


Wir quartieren uns trotzdem auf der anderen Seite des Flusses ein, in Virupagadda, und zahlen Zähne knirschend die Fährgebühren. Dafür ist es hier schön ruhig, obschon sich ein Guesthouse ans andere reiht. Und man blickt direkt auf die Reisfelder und den Fluss. Das einzige Problem sind die Massen von jungen Hippie-Rasta-Travellern, die hier rumhängen. Viele von ihnen sind Israeli, die in Goa und Hampi nach drei Jahren in der Armee überwintern und nichts andres im Sinn haben, als den Unsinn, mit dem sie die letzten 36 Monate verschwenden mussten, zu vergessen. Es ist nachvollziehbar, dass sie einfach abschalten wollen, tagelang rumliegen, trommeln, trinken und rauchen. Aber ihr Auftreten und ihre Einstellung gehen uns mit der Zeit gewaltig auf den Keks. Kommt hinzu, dass Israelis nicht gerade bekannt sind für ihre Freundlichkeit, um es einmal sehr nett auszudrücken. Zudem packt uns plötzlich die Reisemüdigkeit. Tim ist gelangweilt. Ungehalten. Kathrin und ich sind schlicht müde. Zu viele Eindrücke vielleicht. Zu viele Tempel. Zu viel Lärm. Zu viele Menschen. Was tun wir eigentlich hier? Doch die Frage, ob wir lieber in Bern wären, ist spätestens nach einem Blick auf die Bluewin-Wetterprognosen beantwortet. Und so hängen halt auch wir im Guesthouse rum, schlafen, dösen und schleppen uns nur ab und an ins Dörfchen.

Wir raffen uns auf und mieten Velos. Und ausgerechnet an dem Tag, an dem wir diese Stein-Kegelbahn genauer unter die Lupe nehmen wollen, entdecken wir etwas, was wir die letzten vier Wochen nie mehr gesehen hatten: Wolken. Eine dichte graue Decke überzieht den Himmel. Wir brechen trotzdem auf, Pedalen zum Hanuman-Tempel, wo der in ganz Indien beliebte Affengott geboren sein soll. Er liegt ganz oben auf einem Hügel. Den Weg hinauf muss man sich erkämpfen gegen Horden aggressiver Affen, die auf der Jagd nach Essbarem auf Rucksäcke springen und an Taschen reissen. Kathrin  gerät in Panik. Es gibt für sie wohl nichts schlimmeres als eine Horde fauchender Makaken. Vielleicht noch eine Königskobra im Badezimmer. Tim nimmt’s wie immer gelassen und besorgt sich einen langen Stecken.


Wir fahren bis Anegondi, ein kleines Dorf am Fluss. Trinken Tee. Essen Idli, die im Süden beliebten Reis-Pancakes mit scharfer Sorte. Tim und ich lieben sie, Kathrin hält sich an Samosas und Pakora. Ich lasse mich rasieren und frisieren. Wir vertrödeln die Zeit, indem wir vor den Teebuden sitzen und Jungs beim Fahrrad pumpen zuschauen. In Anegondi stand einmal eine Brücke. Doch sie ist längst eingestürzt, und so sind hier wieder die Coracles zu sehen, die Weidenkörbe, die für die Flusstraverse sorgen. Ein schöner Anblick für Nostalgiker. Doch die Moderne ist auch hier nicht fern: Selbst Motorräder finden in den schwimmenden Untertassen Platz.


“Folding, folding”, ruft uns Arjun zu. Er hat den Bart kurz gestutzt und sieht äußerst gepflegt aus. Lange dunkle Hose, kariertes Hemd. Mitten auf der Strasse in Hampi Bazaar hat er seine Ware ausgelegt. Plastik-Spangen, mit der sich das Haar perfekt hochstecken lässt. Zu Demonstrationszwecken hat er eine Puppe mit langen blonden Zöpfen auf die Strasse gestellt. Klar. Kathrin lässt sich die Sache vorführen. “Folding, folding, Madame”, sagt Arjun bloss, als er mit geschickten Griffen Kathrin echtes blondes Haar in der Spange zum Knoten faltet. Das sind die einzigen englischen Worte, die er beherrscht. Und “20 Rupies only”. Kathrin ist begeistert und kauft. Für 15 Rupies. Wie das Teil funktioniert, haben wir nie herausgefunden. Tim interessiert sich ohnehin mehr für den Schlangenbeschwörer, der ein paar Meter weiter seine Kobras tanzen lässt. Kathrin setzt sich in gebührendem Abstand hin.


Wir haben uns doch noch zu einer Tempeltour entschlossen. Wandern dem Fluss entlang und lassen uns mit einem Coracle übersetzen. Wir nehmen den grossen Vitthala-Tempel mit. Unesco-Weltkulturerbe, aber wir sind nicht begeistert. Den Krishna-Tempel und die Vishnu-Statue mit den grossen Glubschaugen. Die Sonnenuntergänge vom Hemakuta-Hill gefallen uns besser. Und die netten Bekanntschaften, die wir hier machen. Uschi und Keith aus Wien, beide Sprachlehrer bei Berlitz. Und Jens und Daria aus München, die wir schon in Goa trafen. Beide sind Augenärzte, und sie sind zum ersten Mal nicht pauschal und nicht luxuriös unterwegs. Und standen einen Tag nach Ankunft in Delhi mit einer Pauschal-Taxi.Topur durch Rajasthan da, von einem Reisebüro-Schlepper aufgeschwatzt und per Kreditkarte im voraus bezahlt. Es lief alles gut, der Taxifahrer traf tatsächlich ein.


Wir haben das eindeutige Gefühl, dass wir schon viel zu lange in Hampi hängen. Doch wir haben ein bestätigtes Ticket für den Nachtzug nach Mysore. Und die Zugsticket sind nun, gegen Wehnachten, nicht einfach zu kriegen. Und dann werden wir belohnt, aus heiterem Himmel. Wie so oft in Indien passiert irgend etwas Aussergewöhnliches, wenn man nur lange genug an einem Ort bleibt und gut hinschaut. Diesmal ist es die Prozession, welche den Auftakt der 500-Jahr-Feierlichkeiten der Thronbesteigung Krishna Deva Rayas begleitet, des wichtigsten Herrschers Vijayanagars.


Trommler stehen unter dem Gewölbe des Eingangstors des Virupaksha-Tempels und schlagen auf ihre Instrument ein, dass man fürchtet, der Tempelturm werde gleich einstürzen. Ein paar Meter weiter hat sich eine Schar Götter versammelt, kunstvoll geschminkte Gestalten, die am Boden kauern und auf ihren Einsatz warten. Hanuman, in grellem Grün, erschreckt die Kinder. Krishna, blaues Gesicht, schwarze Perücke, sieht aus wie eine Drag-Queen. Und Rama feuert seinen Bogen auf Lanka, den schwarz gewandeten Dämonenkönig, den er zusammen mit Hanuman im Ramayana-Epos erledigt.


Lakshmi gibt mit lautem Trompeten das Signal für den Aufbruch. Der Elefant marschiert gelassen ab, dann bricht die Hölle los. Die Trommler-Gruppen schlagen in irrem Rhythmus auf ihre straff gespannten Ziegenhäute und riesigen Gongs, die Götter hüpfen wie Derwische über die Strasse, spielen Ramayana-Kämpfe nach und schiessen ihre Pfeile ins Publikum. Grün gewandete Mädchen tragen Kokosnüsse, in Banananblätter gewickelt, graziös auf den Köpfen. Ganz hinten im Zug kommen die Politiker. Karnatakas Chefminister und seine Adlaten stehen auf der Ladefläche eines Lastwagens und winken ins Publikum. Interessieren tut das niemanden. Uns auch nicht. Aber wir sind froh, dass wir so lange in Hampi ausgeharrt haben.

Samstag, 19. Dezember 2009

Ferien von Indien


Indien hält immer wieder Überraschungen bereit. So kann man Ferien machen von Indien, ohne das Land zu verlassen: in Goa. Der Patnem Beach ist noch ruhig in der Vor-Weihnachtszeit, das “richtige” Indien, der Verkehr, die Händler, die Rikschafahrer, sind weit weg. Und so spannen wir aus, und auch der Blog ruht für eine Woche, die wir planlos vertrödeln. Zum Beispiel mit

Spaziergängen am Strand:


Hunde streicheln:


Lesen in der Hängematte:


Sonnenuntergängen fotografieren:


Fischen:


Kokosnuss-Weitwurf


Strand-Akrobatik


Drinks an der Bar


Tandoori-Tuna essen


Yoga für Anfänger…


…und Profis


Und das beste ist: In diesem entspannten Klima beginnen selbst meine Haare wieder zu spriessen


In diesem Sinne wünschen wir allen fröhliche Weihnachten !!!