Montag, 18. Januar 2010

In Touristenfallen und Teefeldern


Es gibt untrügliche Zeichen dafür, dass man einen Ort so schnell wie möglich verlassen muss. Zum Beispiel, wenn an jeder Ecke schmierige Kaschmiris stehen und so unverschämt lächeln, als würden sie einen alten Freund begrüssen: “Come in, my friend, no money, just looking“. Fort Kochi ist so ein Ort. Leider. Denn die alte Drehscheibe des Gewürzhandels der Malabar-Küste ist eine der ganz wenigen südindischen Städte, die auch architektonisch etwas zu bieten hätten. Portugiesen, Holländer und Briten haben hier ihre Spuren hinterlassen. Doch die prächtigen Kolonial-Villen, Paläste und Lagerhäuser sind heute bloss noch Fassade für die Touristen, die zu hunderten durch die Gassen streifen. Und von den Kaschmiris in die Handicraft Emporien geschleppt werden, wo Statuen, Schals und Schmuck zu lächerlich überhöhten Preisen warten.


Wir hatten uns gefreut auf Kochi. Wieder etwas normales Leben nach der Strand-Idylle. Märkte und enge Strassen zwischen bröselnden, mit Azulejos geschmückten portugiesischen Bogengängen. Doch nachdem wir den grossen Touristenströmen bisher fast überall ausweichen konnten, wirkt Kochi wie ein Schock. Sicher: Man findet auch noch Gassen, in denen nicht mindestens fünf Guesthouses stehen. Und hunderte Schulkinder, die in ihren Uniformen in die katholischen Schulen strömen. Kurze blaue Hosen, weisses Hemd, Kravatte. Als ginge es zur Messe. Im alten Jewish Quarter sind sogar Überbleibsel der Gewürz-Lagerhäuser noch in Betrieb. In groben Jutesäcken wird gehandelt und verladen, was die Gegend reich gemacht hatte. Und die Europäer hierhin lockte: Pfeffer. Cardamom. Reis. Gewürznelken. Sternanis.


Doch auch hier haben die Kaschmiris Einzug gehalten. Und wenn gerade ein Kreuzfahrt-
Schiff angelegt hat, steigen die Preise nochmals an. Wir wohnen in einem wunderbaren Guesthouse. Holländische Kolonialvilla. Es gibt überall Pizza und Spaghetti. Nette Abwechslung. Und Internet-Zugang. Schön. Aber trotzdem beschliessen wir, Kochi nach einem Tag wieder zu verlassen. Zu viel des Guten. Den Sonnenuntergang bei den chinesischen Fischernetzen nehmen wir noch mit. Mit ca. 3267 anderen Touristen. Wohl das meistfotografierte Sujet Keralas. Aber die Fänge sind minim. Und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Fischer nur noch für die Besucher posieren.


Tim beginnt immer besser zu beobachten. Kerala müsse sehr reich sein, stelle er fest, denn im Vergleich zum Norden Indiens seien die Häuser hier viel grösser und schöner. Tatsächlich schiessen am Stadtrand Ernakulams, der modernen Schwester Kochis, Dutzende Appartment-Häuser aus dem Boden. Und auf der Busfahrt von Kochi in die Berge fahren wir immer wieder an Villen vorbei, die auch in einem amerikanischen Vorort nicht schäbig wirkten. Grosse Auffahrt hinter einem Gittertor, zwei Autos. Terrassen und Balkone. In frischen Pastellfarben gestrichen. McMansions nennt man die Ungetüme in den USA. Nur sind sie hier nicht aus Sperrholz gezimmert, das bei jedem Hurrikan in sich zusammenfällt, sondern aus stabilem Beton.

Das Geld für die Villen stammt aus dem Golf. Hunderttausende Männer aus Kerala arbeiten in Dubai, Qatar, Abu Dhabi. Denn sie weisen gegenüber anderen Indern zwei grosse Vorteile auf. Viele sind Muslime. Und sie haben eine gute Ausbildung, denn Kerala wiest einen Alphabethisierungsgrad von fast 95 Prozent auf. Sie unterhalten mit ihren Geldsendungen ganze Grossfamilien. Und wenn sie nach Jahren harter Arbeit zurück kommen, protzen sie mit dem Bau riesiger Villen. Hohes Bildungsniveau und Ölgeld.  Das dürften die wichtigsten Gründe dafür sein, dass es Kerala ökonomisch sichtbar besser geht als vielen anderen indischen Staaten. Und weniger, wie Nasik im Kannur Beach House zu wissen glaubte, der besondere genetische Mix Keralas, das als Drehscheibe des Gewürzhandels stets “the best and the brightest” aus allen Ecken der Welt angezogen und damit einen Menschenschlag geschaffen habe, der für Innovationen offen sei.


Wie auch immer: Keralas Wirtschaft scheint gut unterwegs tu sein, denn zwischen Ernakulam und dem Beginn der Western Ghats verlässt man kaum je den urbanen Raum. Erst als der Bus keuchend zu steigen beginnt, gewinnt das Grün die Oberhand. Reisfelder vorerst. Bananenplantagen. Dschungel, der immer dichter wird und sich über der Strasse zu schliessen beginnt, als wollten die Lianen die Fahrzeuge greifen. Dann öffnet sich der Blick auf Grasland, das bis hinauf zu schwarzen Felsen reicht. Hier beginnt das Land des Tees. Ein kobaltgrünes Tuch liegt auf den Hügeln, beschattet von Silbereichen, deren Stämme aus den grünen Wellen ragen wie die Masten einer Armada von Segelschiffen.     


Es ist Samstag, man ist der Hitze der Küste in die Berge entflohen. Und so ist Munnar voller Leben. Der Basar brummt. Tee gibt an jeder Ecke. Kaffee auch. Nüsse, Trockenfrüchte und “home made chocolate”. Und eine Unmenge von verschiedenen Gemüsen. Jene aus den Tropen unten. Und jene aus dem Hochland hier. Die Chai-Verkäufer machen gute Geschäfte, die Stimmung ist ausgelassen, auf den Strassen herrscht das übliche Chaos. Am Strassenrand werden Parothas im Akkord gebrutzelt. Wir setzen uns hin, bestellen sechs der duftenden Fladen, nehmen Kichererbsen und Huhn dazu. Das billigste Nachtessen aller Zeiten. Exakt 2 Franken 70 für alle drei. Und eines der besten dazu. Welch eine Erleichterung zur Kunstwelt Kochis, wo arrogante Italiener winzige Portionen Spaghetti zu aufgeblähten Preisen verkaufen.


Salim führt uns durch die Teeplantagen. Acht Stunden soll die Tour dauern. Hinauf auf den Berg ohne Namen, der 2300 Meter über Meer liegt. Immerhin 800 Meter höher als Munnar. Wir sind Himalaya-erfahren und wagen es. Doch schon beim Aufstieg beginnt es zu regnen. Niesel zuerst, dann ein Wolkenbruch. Wir stellen uns unter einen der Felsen, die in den Teefeldern stehen. Und Salim erzählt, was wir schon so oft gehört haben, seit wir die Schweiz verlassen haben. Das sei wirklich sehr unübliches Wetter für diese Jahreszeit, in der es eigentlich absolut trocken und kühl sein müsste. Schon in Kannur und Wayanad war es zu heiss und viel zu feucht. Er könne sich nicht erinnern, dass es jemals Ende Dezember derart stark geregnet habe, hatte uns Kurian gesagt. Und der Mann ist mindestens 50 Jahre alt. Zuvor der kurze “Freak Monsoon” in Nepal. Und dann die Kältewelle am Ende unserer China-Reise. Die Klimaveränderung macht sich überall bemerkbar.


Kathrin und Tim steigen ab ins Dorf. Ich gehe mit Salim und ein paar anderen Wandervögeln weiter bergauf. Und wir werden belohnt. Es klart auf. Ein paar Nebelschwaden kleben noch an den Felsen und hüllen das Grasland unter ihnen in Watte. Doch die Sicht ins Tal und in die Ferne ist frei. Tee, wohin man blickt. Ein Teppich aus grünen Puzzlesteinen, jeder Strauch ein Stein. Mit winzigen Abständen dazwischen, damit sich die Pflückerinnen hindurch zwängen können. Tee ist Big Business hier und sehr profitabel. 180’000 Hektaren sind mit dem Busch bepflanzt, 80 Prozent gehören der Firma Tata, die auch Autos und Lastwagen und auch sonst fast alles produziert. Profitabler ist nur Cardamom, der bringt 1000 Rupies (23 Franken) pro Kilo. Doch er braucht Schatten und kann nur im Wald wachsen. Und dieser wurde grösstenteils abgeholzt, um Teeplantagen anzulegen. Ich lasse eine der kleinen Cardamom-Kapseln im Mund zergehen. Eine Explosion der Geschmäcker, wie starker Chai, der langsam über die Zunge rinnt.


Wir geniessen nochmals den quirligen Bazaar. Gucken in der Kirche vorbei. Sind enttäuscht, weil die Parotha-Bäcker bereits abgezogen sind. Ende des Wochenendes, die indischen Besucher machen sich auf den Weg in die Ebenen. Wir frieren und beschliessen, am nächsten Tag abzureisen. Das war ein Fehler, denn als wir im Bus sitzen und durch die Teefelder schaukeln, wölbst sich strahlende Bläue über uns. Gerne wären wir nochmals in die Höhe gestiegen. Doch was soll’s. Wir fahren auf der anderen Seite der Ghats hinunter in die Ebenen von Tamil Nadu.

Sonntag, 17. Januar 2010

Götter auf Erden - und ein kleines Paradies


Die Männer stehen eng zusammen und schwitzen am ganzen Körper, obschon es erst fünf Uhr morgens ist. Mit kleinen weissen Stöcken aus Tamarindenholz schlagen sie auf die mit Ziegenhaut bespannten Cenda-Trommlen ein, als würde ihr Leben davon abhängen. Seit ein paar Minuten schon haben sie Rhythmus und Lautstärke ihrer Schläge zusehends gesteigert, bis die Ohren zu schmerzen beginnen. Dann ist es soweit: Der Gott ergreift Besitz vom Tänzer, der sich immer schneller im Kreis zu drehen und wild zu schreien beginnt, den Schild in der einen, Pfeil und Bogen in der anderen Hand. Die brennenden Kokosnüsse, die aus seinem Palmgrasrock hervorstehen, malen rote Schlieren in die Nacht, der riesige rote Kopfschmuck schwingt bedenklich hin und her.


Wir sind an einer Theyyam-Zeremonie in der Nähe von Kannur, einer Stadt an der Küste Nordkeralas. Hier hat sich ein archaisches Ritual erhalten, das ursprünglich aus den Bergen um Wayanad stammt, und dessen Ursprünge in vorhinduistische Zeiten zurück reichen. Begleitet von Trompetern und Trommlern, erzählen die Darsteller wilde Geschichten und uralte Mythen, bis sie im Verlaufe der stundenlangen Tänze in Trance geraten, von der Gottheit, die sie darstellen, in Besitz genommen und selbst zur Inkarnation der Gottheit werden. Danach sitzen sie erschöpft auf Stühlen, werden von der Bevölkerung angebetet und erteilen ihr den Segen.


Es gibt 452 Theyyam-Charaktere mit je einer eigenen Geschichte, erklärt uns Kurian, der Besitzer des Costa Malabari Homestays südlich von Kannur. Selbst Christ, ist er einer der besten Theyyam-Kenner der Region uns weiss stets, wo welches Ritual zu sehen ist. Wir gehen dreimal hin, obschon die Zeremonien meist um 4 Uhr morgens beginnen und man vor sechs Uhr dort sein muss, um den Höhepunkt nicht zu verpassen. In einem der Rituale treten vierzehn Götter gleichzeitig auf. Jeder hat einen sieben Meter hohen Kopfschmuck an, und in diesem Aufzug vollführen sie einen wilden Tanz auf Stelzen. Eine andere Zeremonie kulminiert in einem Lauf über glühende Kohlen. Und immer tragen die Tänzer kunstvolle Kostüme aus Stoff, Pappmaché und Glasspiegeln und sind von Kopf bis Fuss geschminkt oder mit Kokosmilch- oder Turmericpaste beschmiert.


Theyyam ist keine Show für Touristen, obschon diese, unabhängig von ihrer Religion,  willkommen sind und freundlich empfangen werden. Theyyam lebt, sagt Kurian, und sei heute populärer als je zuvor. Erstaunlich, wenn man die schnelle ökonomische Modernisierung Indiens in Betracht zieht, die andernorts oft mit einer Säkularisierung der Gesellschaft einherging. Nicht hier. Beim Theyyam mag das mit der sozialen Bedeutung des Rituals zusammen hängen. Denn die Truppen - Darsteller wie Trommler - bestehen ausschliesslich aus Dalits, also aus Kastenlosen, der untersten sozialen Schicht.


Während der Theyyam-Saison im Dezember und Januar werden ausgerechnet die Dalits zu Göttern, die auf die Erde hinuntersteigen und von allen verehrt werden, selbst von den Brahmanen der Priesterkaste. Zudem machen sich viele der Geschichten über die Arroganz der Brahmanen lustig und kritisieren teilweise in deftiger Form die Ungerechtigkeit des Kasten-Systems. Eine Umkehrung der realen sozialen Verhältnisse also, die einmal im Jahr während zwei Monaten erlaubt wird. Dies mag die Popularität des Rituals erklären, denn es dient den Brahmanen wie den Kastenlosen. Letztere als Ventil für die angestaute Wut über die in Kerala immer noch strikten Kastenregeln. Und Ersteren als Vehikel, mit dem sich diese Wut in kontrollierbare und ritualisierte Bahnen lenken lässt. 


Kannur ist ein Geheimtip. Nicht nur wegen des Theyyam. Denn südlich der Stadt reiht sich ein Traumstrand an den anderen. Und im Gegensatz zu Goa und dem Süden Keralas sind sie fast menschenleer. Einige Homestays, ein paar Strandhäuser. Das ist alles. Wir kommen zuerst im Costa Malabari unter, dann im Kannur Beach House, einem Homestay direkt am Strand. Dort leben Rosie und Nazir mit Sohn und Tochter  und bewirten ihre Gäste mit einer derartigen Herzlichkeit, dass wohl niemand, der hier ein paar Tage lebte, nicht länger bleiben möchte als geplant..


Das Essen ist feinste Kerala-Kost. Fisch- und Prawn-Curries, meist auf Kokos-Basis. Reichhaltige Gemüse-
auswahl an chüschtigen Saucen. Scharfe Pickles. Idli und Dosa zum Frühstück. Nur für Tim wird es nach ein paar Tagen schwierig, er sehnt sich nach Western Food - oder zumindest nach der nordindischen Küche, die ihm mehr behagte. Doch das Strandleben entschädigt für alles, und wir gewöhnen uns bald an eine Routine, mit der sich eine Woche bestens leben lässt.


Morgens zum kleinen Strand, einer von Kokospalmen beschatten Bucht. Tim surft in den Wellen. Wir lesen und machen Hausaufgaben. Mittagessen und Siesta. Um vier Uhr zum grossen Strand, einer weiten Sandsichel, die sich kilometerweit bis zu einem Fischerdorf hinzieht. Mehr als vier, fünf Menschen treffen wir kaum am Strand, und trotzdem hat es im Guesthouse interessante Gesprächspartner. Steve, einen anglikanischen Pfarreileiter aus Cape Cod, Arif, einen BBC-Dokumentarfilmer mit indischen Wurzeln, je mit Familie. Das Weiterreisen fällt schwer.


P.S. Ein weiterer Geheimtip: Wer Kannur noch so geniessen will, wie es heute ist, muss sich beeilen. Einige Homestays sind im Bau. Und in zwei Jahren soll es einen Flughafen mit Verbindungen an den Golf geben - und damit nach Europa. Dass die Strände hier schöner und sauberer sind als in Goa, wird sich danach bald herumsprechen.

Freitag, 8. Januar 2010

Tims grosse Enttäuschung


Bisher haben wir längere Strecken mit dem Zug zurückgelegt und Busse vermieden. Zu viele Kurven, zu viele Kamikaze-Fahrer. Doch nun kommen wir nicht mehr darum herum. Wir lassen uns fünf Stunden durchschütteln und kommen gerädert in Madikeri an. Kein Vergleich zur komfortablen Zugreise. Dafür ist jeder kleinste Ort erschlossen. Und die Busse fahren in der Regel alle Stunde in jede gewünschte Richtung. Nicht schlecht.


Madikeri liegt auf dem Coorg-Plateau, einer hügeligen Gegend westlich von Mysore, in die sich selten westliche Touristen verirren. Dafür Massen indischer Besucher aus Mysore und Bangalore, welche die Weihnachtsferien hier verbringen wollen. Schon auf der Fahrt in die Berge hatten uns Dutzende hoch beladener Minivans und kleiner Busse überholt, und wir befürchteten Schlimmes. Tatsächlich sind die meisten Hotels ausgebucht und wir können uns noch knapp ein Zimmer in einer Bruchbude sichern. Zu einem überhöhten Preis, selbstredend.


Madikeri ist potthässlich. Die Stadt zieht sich über ein Paar Hügel hin, die Strassen sind voller Schlaglöcher, die Gebäude scheinen zu zerbröseln, alles starrt vor Schmutz. Der Dreck ist allgegenwärtig, wohin man auch kommt, überall in Indien. Aber einige Orte scheinen die Bemerkung des indischen Umweltminister untermalen zu wollen, der kürzlich sagte, wenn es einen Oscar für das schmutzigste Land der Welt gäbe, Indien würde ihn ohne jegliche Konkurrenz gewinnen. Madikeri ist zweifellos einer dieser Orte. Nasser modernder Abfall. Plastiksäcke. Zerfledderter Karton. Verfaulende Orangen, die einen stechenden säuerlichen Gestank verbreiten. Nach bald zwei Monaten in Indien beginnt der Dreck zu nerven. Diese unglaubliche Vernachlässigung, ja Verachtung des öffentlichen Raumes. Der Missbrauch des Allgemeinbesitzes als Abfallhalde. Ist es Gedankenlosigkeit, mangelndes ästhetisches Bewusstsein? Nachzuvollziehen ist es für uns jedenfalls nicht.


Es beginnt zu regnen. Zum ersten mal, seit wir in Indien sind. Sehr unüblich für diese Jahreszeit, sagt man uns. Aber das unübliche Wetter ist ja inzwischen das normale Wetter. Sofern es dieses noch gibt. Wir machen uns trotzdem mit dem Bus auf nach Bhagamandala und von dort nach Talacauvery, der Quelle des Cauvery, eines der heiligen Flüsse Südindiens. Wir sind nicht die einzigen. Hunderte von Autos und Bussen quälen sich die Serpentinen hoch. Der Parkplatz beim unvermeidlichen Tempel bei der Quelle ist hoffnungslos überfüllt, die Strasse blockiert. In einer langen Reihe stehen die Pilger an, um vom Priester mit heiligem Cauvery-Wasser besprenkelt zu werden. Die ganz mutigen tauchen ins Becken ein und können den Segen ohne Schlange zu stehen empfangen. Tim trifft mit einer Rupie im ersten Versuch das Becken des Nandi-Bullen, das tief unten in einem Brunnen steht. Soll Glück bringen.

Trotzdem giesst es die ganze Nacht wie aus Kübeln, und am nächsten Tag sind die Strassen voller Schlamm. Was den Anblick des Abfalls nicht erträglicher macht. Wir mieten uns den ganzen Tag ein Taxi, es klart auf, und wir fahren zum Dubare Elephant Camp. Ein Paradies für Tim, der sich halt immer noch am meisten für Tiere begeistern kann. Ob es nun streunende Hunde und Katzen sind oder eben - und umso besser - Elefanten. In Dubare trainiert das Karnataka Forest Department 18 Elefanten. Sie sind primär eine Touristenattraktion, kommen aber auch in Tempelfestivals und bei Prozessionen zum Einsatz. Auch hier ist der Andrang tausender indischer Ausflügler gewaltig. Doch Tim lässt es sich nicht nehmen, bei Waschen der Dickhäuter mitzuhelfen und schiebt ihnen danach Banane um Banane in den Mund. Selbst ein kurzer Ritt ist drin. Alles gegen entsprechende Bezahlung natürlich.

Die zweite Attraktion ist das Goldene Kloster in Bylakuppe. Seit den 60er Jahren leben hier Tibeter und haben inzwischen eine der grössten tibetischen Gemeinschaften ausserhalb ihrer Heimat aufgebaut. 20’000 Tibeter sind in der Gegend ansässig, davon 8000 Mönche. Das Zentrum ist das Goldenen Kloster von Namdroling, ein - oh Wunder - blitzsauberes Gelände mit lang gestreckten Wohnblocks für 2000 Mönche, die sich um den Tempel gruppieren. Das Heiligtum ist keine 20 Jahre alt, strahlt aber eine Kraft und Ruhe aus, die sich wohltuend vom Chaos ausserhalb der Mauern abhebt. Die Gebetshalle ist beeindruckend. Farbenfrohe Wandmalereien schmücken alle vier Seiten, zwei Drachensäulen fassen die riesigen goldenen Statuen dreier Buddhas ein. Wir setzen uns an den Boden und geniessen die Pracht.

Coorg ist Coffee Country. Sanft geschwungene Hügel - man nennt sie hier Berge -, auf denen früher Dschungel wuchs. Auf den höchsten Gipfeln steht dieser immer noch, doch in tieferen Lagen ziehen sich die Kaffee-Plantagen übers Land, beschattet von den Bäumen, die der Kultivierung der Gegend nicht weichen mussten. Ein Estate reiht sich ans andere, die meisten haben heute auch Gästezimmer. Die Strassen durch diese liebliche Gegend sind indessen miserabel. Und so dauert unsere Busfahrt nach Tholpetty, unserem nächsten Ziel, fünf Stunden. Für 100 Kilometer. Wir müssen dreimal umsteigen, doch immerhin klappen die Verbindungen, und nach zehn Minuten bricht der nächste Bus jeweils auf. Wir staunen.



Trotzdem ist das Bus fahren ermüdend. Das eingequetscht sein in enge Stuhlreihen. Die Schlaglöcher, die kein Ende nehmen. Aber auch ein Erlebnis, das einen nahe an die Menschen bringt, die in dieser Gegend leben. Sie nehmen die Enge und das Schütteln und Holpern stoisch hin. Stundenlang, ohne sich zu beklagen. Nur wenn es ans ein- oder aussteigen, ist es vorbei mit Ruhe und Gelassenheit. Noch bevor alle Passagiere ausgestiegen sind, drängt sich die Traube der Wartenden schon in den Bus. Rücksichtnahme. Fehlanzeige. Und wenn man einen Sitz hat, macht jeder die Schultern breit, um den Platz auf den letzten Zentimeter zu verteidigen. Vielleicht wird man so, wenn man in einer Land mit 1,1 Milliarden Menschen aufwächst, wo Raum ein kostbares Gut ist. Wo man nie allein reist. Wo es für ganz viele Menschen schlicht keine Privatsphäre gibt.

Tholpetty ist der wahre Dschungel, ein Wildlife Sanctuary, das bereits in Kerala liegt. Wir quartieren uns im Pachyderm Palace ein, dem Dickhäuter-Palast, einem Homestay direkt am Parkeingang.  Es gibt Elefanten hier, Wildschweine, Bisons, Wildrinder und sogar Tiger und Leoparden. Tim freut sich wie ein kleines Kind. Ist er ja auch. Auch wenn er uns zuweilen, ziemlich altklug, und langatmig wie der Vater, die kulturellen Unterscheide zwischen Nord- und Südindien erklärt. Darauf hinweist, dass im Süden viel mehr Männer traditionelle Kleider, den Dhoti oder Lunghi, trügen. Und dass der Süden viel reicher sein müsse, weil man viel mehr grosse neue Häuser sehe.


Doch am nächsten Morgen kommt die grosse Enttäuschung. Da es zuviel geregnet hat, dürfen keine Jeeps mehr in den Park. Die Strassen sind zu schlammig. Und auf den Treck zu Fuss dürfen Kinder unter 15 Jahren nicht mit. Sie könnten zu wenig schnell fliehen, heisst es, falls ein Elefantenbulle angreife. Als ob die 65jährigen mit Bierbauch schneller unterwegs wären. Alles insistieren und ein dezentes Bakschisch-Angebot helfen nicht. It’s the law, Sir. Bitter enttäuscht trottet Tim mit Kathrin zum Guesthouse zurück. Aufgaben machen statt Elefanten-Safari….Ich laufe los. Mit vier anderen Touristen, Führer und Bewacher mit uralter Knarre. Sehen tun wir wenig: Drei Elefanten, eine Affenhorde, einen Bison, eine müde Ratte und Tigerspuren im Schlamm. Und alles aus 100 Metern Entfernung. Aber wenn man in afrikanischen Wildparks war, ist man halt ein wenig verwöhnt. Tim ist trotzdem untröstlich. Denn auch bei den beiden Night-Safaris - kurzen Jeep-Fahrten der Strasse entlang - kommen die Elefanten nicht aus dem Dschungel.


Am nächsten Tag versuchen wir es mit dem Nagarhole-Nationalpark, der 15 Kilometer entfernt liegt. Hier kann man mit Bussen auf Pirsch gehen, gefüllt mit wild durcheinander plappernden indischen Touristen. Sanjana, unsere Führerin, erzählt begeistert, was sie gestern alles erblickt hätten: Elefanten, Bisons - und am Schluss sogar einen Tiger. Doch wir haben wieder Pech. Ausser ein paar Pfauen und einem Rudel Rehe lässt sich nichts blicken. Tomas, der Chef des Guesthouses, tut alles, um es noch wahr zu machen, geht auf Pirsch, entdeckt Elefanten am Strassenrand, ruft seinen Sohn an. Wir rasen mit dem Jeep hin. Klar, als wir dort sind, sind sie weg. Die Bemerkung, er habe ja im Elephant Camp Elefanten gesehen, beruhigt Tim nicht. Das sei nicht das gleiche. Recht hat er. Wir werden wohl irgendwann nach Afrika fahren müssen. Bis dann müssen junge Ziegen reichen.

Fern von Weihnachten


Das System funktioniert einwandfrei und man kommt immer überall hin, wo man will. Irgendwie und irgendwann. Doch anstrengend ist das Reisen trotzdem. Zu Fuss an die Fähre. Warten. Mit dem Mafia-Boot über der Fluss. Zu Fuss an den Rikscha-Stand. Mit der Rikscha nach Hospet. Ticket kaufen und warten. Der Passenger Train nach Hubli fährt ein. Reservieren war nicht möglich, denn es gibt nur die dritte Klasse. Die wartenden Massen stürzen sich an die Türen, zwängen ein Gepäckstück durch die vergitterten Fenster, um sich einen Sitz zu ergattern. Wir schicken Tim vor, der sich durch die dichte Traube lärmender Leiber quetscht und sich in ein fast leeres Abteil legt. Doch leer bliebt es nicht lange und Tim verbringt vier unvergesslich enge Stunden, eingequetscht zwischen schwarz gewandeten muslimischen Matronen. 


Die Schleier fallen schnell und wandern in die Handtasche. Man kommt ins Gespräch, so gut es eben geht. Tauscht essen aus. Der Zug hält am kleinsten Bahnhof, die Abteile leeren und füllen sich im regelmässigen Rhythmus wie ein pulsierender Zell-Organismus. Leer bleibt ein Sitz nie. Schnell kommen wir nicht vorwärts. Bequem ist es nicht. Aber die Reise bleibt in Erinnerung: Mit Tim an der offenen Zugtüre stehen, sich festhalten an den blanken Eisenstangen. Die Landschaft langsam vorbeiziehen sehen. Reisfelder. Ein Ochsenkarren. Lange Reihen hupender Lastwagen. Frauen mit Wassertöpfen auf dem Kop. Büffelherden im hohen Gras. Unbezahlbar. Für alles andere gibt es bekanntlich Mastercard.



Wir erreichen Hubli. Wieder warten. Biryani essen. Der Nachtzug nach Mysore trifft pünktlich ein. Wir haben Schlafplätze im klimatisierten Viererabteil, ketten das Gepäck an und legen uns hin. Und neun Stunden später sind wir in Mysore. 600 Kilometer weiter südlich. Tim wird krank und legt sich ins Bett. Magenverstimmung. Ich beginne Mysore zu erforschen, die erste grössere Stadt, die wir besuchen, seit wir Bhopal verlassen haben. Und sogleich kehrt das Gefühl der Enge wieder zurück. Das Gefühl des überfallen und in die Ecke gedrängt werden. Das Gebrüll des Verkehrs. Das An-  und Abschwellen der Hupen, als würde ein Schwarm Zikaden im Strassengraben sitzen. Der Gestank der Benzindämpfe, die über den Strassen liegen. Der Fluchtimpuls kommt auf, das untrügliche Gefühl, von all dem schon zu viele gesehen zu haben.


Immerhin ist Mysore im Vergleich zu anderen Städten eigentlich ein ganz angenehmer Flecken. Es gibt Parks und charmant bröselnde Kolonialgebäude, die Strassen sind von weit ausladenden Bäumen gesäumt. Und es gibt den Devaraja-Markt im Zentrum der Stadt. Ein Fest für alle Sinne. Draussen vor den Markthallen stapeln sich die Bananen in den Himmel. Die kleinen aus Kerala, an der Staude noch und bloss zwei Daumen gross, aber zuckersüß. Daneben der Fleischmarkt, der einen zum Vegetarier machen könnte.


Jämmerliche, von Rivalen um den engen Platz im Käfig blutig gepickte Hühnchen werden im Akkord geschlachtet, indem man ihnen der Hals umdreht. Noch zuckend werden sie gerupft, falls sie überhaupt noch Federn haben. Die Abfälle verrotten in grossen Haufen, es stinkt nach Blut und Fäule, dass sich der Magen zu drehen beginnt. Daneben rösten Männer Ziegenköpfe in einem mit Kohle gefüllten Metallbecken. Und hinten werden die versengten Schädel in Stücke gehackt und verkauft. Findet sich die Blut triefende, fettige Masse heute Abend im Mutton Masala?


Bedeutend appetitlicher ist das Gemüse, das die Händler zu hohen Bergen geschichtet haben. Da liegen Auberginen neben Jojo, einer schrumpeligen grünen Knolle. Okra neben Blumenkohl. Roter Chilies haben sich zu den Gurken verirrt. Bohnen und Linsen gibt es in zahllosen Varianten. Dann Tomaten und Kokosnüsse, Zwiebeln und Knoblauch und Ingwer. Äpfel und Trauben. Bananenblätter, auf denen in manchen Restaurants das Essen serviert wird.


Das grösste Gedränge herrscht auf dem Blumenmarkt. Das grösste Geschrei auch. Und die besten Gerüche. Nach Jasmin und Ringelblumen und Rosen. Und nach Sandelholz, das die Parfümhändler den Touristen andrehen wollen. Die Blumen-Wallahs thronen in ihren Buden auf Podesten aus Holz, vor ihnen haben sie Haufen von Blüten aufgetürmt. Kinder und junge Männer stecken sie derart schnell auf Nadeln, dass der Blick ihren Bewegungen kaum zu folgen vermag. Daraus entstehen Gestecke und meterlange Girlanden, die auf dem Boden zu hohen Rollen gelegt werden, damit sie sich nicht verknoten können.  

Es ist bald Weihnachten, auch wenn man davon wenig merkt. Höchstens an kitschigen Glitter-Girlanden, den Plastik-Weihnachtsbäumen und den grossen Sternen aus Karton. Auch wir sind nicht in Stimmung. Zu weit weg ist die Athmosphäre von dem, was wir mit Weihnachten verbinden, von Kälte, Schnee und Dunkelheit. Feste und Feiern sind wohl weniger an ein Datum gebunden, sondern an Stimmungen und den Assoziationen, die sie erwecken, der Umgebung, in denen sie üblicherweise stattfinden.


Dass sich unser Hotel in der Kinomeile Mysores befindet, ist in dieser Beziehung auch nicht hilfreich. Jeder Quadratmeter ist vollgepflastert mit Plakaten der neusten Filme. Leicht geschürzte üppige Tänzerinnen konkurrieren mit bärtigen oder zumindest beschnauzten Helden um die Aufmerksamkeit. Die Plakate sind mit Blumengirlanden verziert, vor den Kinos versammeln sich schon mittags riesige Mengen jugendlicher Männer, die bis hinaus auf die Strassen quellen und den Verkehr auf die andere Strassenseite drängen. Es sind “local movies”, wie wir uns sagen lassen, Produkte der tamilischen Filmindustrie, billige Gangster- und Abenteuer-Stories meist. Erfolgreich scheinen sie trotzdem zu sein.


Den 24. Dezember verbringen wir im Maharaja-Palast, einem Zuckerbäcker-Schloss im Zentrum der Stadt, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem britischen Architekten gebaut wurde, nachdem der alte Holzpalast niedergebrannt war. Und am Abend, so dachten wir, wollen wir uns etwas Besonderes leiten: das Weihnachts-Buffet im Lalitha Mahal Palace, einem Palasthotel am anderen Ende der Stadt. Der Esssaal ist beeindruckend, die Lobby ebenfalls. Eine breite Freitreppe führt in den oberen Stock, auf der Zwischenetage steht ein ausgestopfter Tiger und eine ebenso verstaubter Löwe in Glasvitrinen. Jagdtrophäen des früheren Besitzers. Stolz zeigen uns zwei Angestellte die Maharajah-Suite. Vier Räume mit altmodischem Mobiliar. Ein verrosteter uralter Hometrainer im Badezimmer. Verrissene, fleckige Teppiche. Für 800 Dollar pro Nacht. Indischer Stil halt, abgewohnt und schmuddlig, auch im Luxusbereich.


Wir befürchten das Schlimmste für das Weihnachts-Buffet. Und tatsächlich erhalten wir den bei weitem teuerste und eines der schlechtesten Essen, die wir in Indien vorgesetzt bekamen. Pampige Curries, verkochte Spaghetti, fade Vorspeisen, klebrige Dessert. In jedem billigen Thali-Restaurant hätten wir besser gegessen. Dafür kommt ein Samichlaus vorbei und verteilt kleine Geschenke. Und vorn auf der Bühne klimpert ein gelangweilter Pianist auf dem E-Piano Weihnachtsweisen. Oder was er glaubt, das könnte das sein.. Wenn sein Handy läutet, plappert er minutenlang lautstark. Inzwischen lässt er eine Rumba-Rhythmus in Endlosschleife laufen. Unterhaltung im indischen Fünf-Sterne-Hotel.